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Bad
Berleburg und sein Haus der Kulturen
Geschichte von einer
Oase, einem Optimisten und Kamelen, die einfach nicht saufen wollen
Die
kleine Oase liegt mittendrin im Rothaargebirge, nur einen Steinwurf
vom prächtigen Schloß derer zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg
entfernt. Palmen gibt es keine, der Winter dauert hier länger als
der Sommer. Die Luft ist dafür wunderbar klar, und man kann sich
ohne große Gefahr mitten auf die steile Schloßstraße
stellen, um
die verschieferten Häuserfassaden ins rechte Bild zu rücken,
während die letzten Sonnenstrahlen das Bühnenbild einer fast
vergessenen Stadt in den Schlaf streicheln. Die Oase indes liegt im
Schatten, schon lange, doch an Schlaf ist hier nicht zu denken.
Innendrin rumort es. Immerzu piept und klingelt es irgendwo. Der Schattenmann
ist ein begehrter Mann und ein begehrender dazu. Gerd Gerhard, 48, Galerist
aus Hoffnung und Optimist aus Selbstzweck, ist mit seinen Gedanken ständig
auf Achse. Bei seinen Malern in Brasilien oder Portugal, bei seinen
Schriftstellern auf den Kapverdischen
Inseln oder im Schwarzwald, bei seinen Bildhauern in Argentinien
oder auf der Iberischen Halbinsel. "Meine Galerie ist ein Versuch,
den Austausch von Kulturen zu ermöglichen", beschreibt
er nüchtern seine Motivation.

Doch dahinter steckt weit mehr. Vor mehr als 20 Jahren hat er als Stipendiat
in Lissabon gelebt, kurze Zeit später ein halbes Jahrzehnt in São
Paulo. Erste Sporen des Journalismus, Dolmetscher und Aufnahmeleiter
für deutsche Dokumentarfilmer wie Max H. Rehbein, Mitarbeit bei
einer STERN-Reportage über die Zerstörung des Regenwaldes
und einer GEO-Story über das Elend der Straßenkinder
von São
Paulo. Diese Jahre haben ihn geprägt:
"Die einfachsten Menschen haben ihren letzten Käse mit
mir geteilt. Es gab immer nur offene Türen. Die Freundlichkeit
und die Herzlichkeit der Menschen in Südamerika ist einfach unbeschreiblich."
Und dann kam er nach Bad Berleburg. Von der Lebenslust zurück in
den Pragmatismus, vom unbeschwerten Warten auf den nächsten Morgen
zurück zum Terminplaner und Anrufbeantworter. "Ich habe
es aber nie als eng empfunden", behauptet Gerd Gerhard trotzig.
Vielleicht
liegt es daran, daß er sich mit Vehemenz in seine neue Bestimmung
stürzte: eine Galerie sollte es werden, eine Oase des Besonderen.
Hier wollte er das zurück- und weitergeben, was er in Südamerika
erfahren hatte, und wollte gleichzeitig irgendwie davon leben. Die Quadratur
des Kreises? Vielleicht. Trotzdem fing er an, zunächst mit Mineralien,
es folgten Unikatschmuck und schon bald die ersten Künstler.
Es
kam mächtig Leben in die Kulturszene der kleinen Residenzstadt.
Aus dem Nichts entstand eine "Lateinamerikanische Woche"
mit illustrer Gästeliste. 
Luis Sépulveda, Exil-Chilene und mittlerweile Literat von Weltruf,
oder Dietmar Schönherr sowie Giaconda Belli waren damals dabei.
Ernesto Cardenal kam nach Bad Berleburg
und mit ihm etliche Neugierige, mehr als 500 Zuhörer wurden seinerzeit
bei der Lesung gezählt. Zwischendurch immer wieder Ausstellungen
und der Ausbau des alten Gewölbekellers, der heute seinem legendären
Faust'schen Vorbild in Leipzig zur Ehre gereicht.
Gerd
Gerhard hat einen Virus eingeschleppt. Nichts ist auf einmal mehr unmöglich.
Eine Literaturwoche im Anschluß an die Frankfurter Buchmesse,
Lesungen mit dem Chamisso-Preisträger
F. A. Oliver - staunend verfolgen die Einheimischen das Treiben
hinter dem rot-weißen Fachwerk der Galerie, mit dem Honorar tun
sie sich allerdings schwer. Vielleicht war die Oase ja nur eine Fata
Morgana? Und außerdem: Kamele halten es auch lange ohne Wasser
aus. Der Prophet im eigenen Land lebt deshalb im wesentlichen von seinen
Kunden aus den Ballungszentren, und die führt oftmals nur der Zufall
in die großzügig restaurierten Räume: Die Nähe
zum Berleburger Schloß mit seinem weitläufigen Park und zu
den zahlreichen Kurkliniken sorgt für ein buntes Publikum.
Und Gerd Gerhard umsorgt sein Publikum. Was als nette Plauderei über
naive Malerei in Brasilien beginnt, endet nicht selten bei einem Glas
chilenischem Rotwein in der urgemütlichen
Kellerklause. Natürlich will der 48jährige auch verkaufen,
aber
in seiner kleinen Oase werden die Besucher erst einmal umsorgt, mit
einem Lachen belohnt, wenn ihnen ein Bild gefällt, das sie nicht
bezahlen können. "Die
Hauptsache ist doch, daß man sich mit anderen Kulturen auseinandersetzt.
Ich bin kein guter Verkäufer, sondern eher ein Vermittler",
tastet sich Gerhard vorsichtig an eine Charakterstudie seiner Person.
Wahrscheinlich ist es diese Unaufdringlichkeit, gepaart mit selten erlebter
Offenheit und Begeisterungsfähigkeit, die diese Oase auszeichnen.
Und wenn es wirklich einen guten Grund dafür gäbe, dann würde
Gerd Gerhard wahrscheinlich auch dafür sorgen, daß im Rothaargebirge
Palmen wachsen.
Burkhard Hupe (WDR 2) 5/99
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