"Nur
Ausgefallenes hat in Berleburg eine Chance"
Binnen
fünf Jahren hat Gerd Gerhard eine Galerie für lateinamerikanische
Kunst in Bad Berleburg etabliert.
Für brasilianische Holzschnitte, argentinische Skulpturen und
guatemaltekische Malerei reisen Kunstfreunde inzwischen sogar aus
Hemer oder Dortmund an. Auch berühmte Literaten wie der nicaraguanische
Priesterpoet
Ernesto Cardenal
und die Dichterin Gioconda Belli konnte
der Mitbegründer des Berleburger Literaturpflasters schon ins
stille Wittgenstein locken.
Wenn Gerd Gerhard von seinem fünfjährigen Aufenthalt in
Brasilien und seinen Reisen durch Lateinamerika erzählt, leuchten
seine Augen. Es waren die fünf aufregendsten Jahre seines Lebens.
"São Paulo ist ein faszinierender Schmelztiegel
der Kulturen."
Die Galerie am Goetheplatz in Bad Berleburg,
das gibt der gebürtige Dreis-Tiefenbacher gern zu, ist für
ihn der Versuch, aus diesem Schmelztiegel ein paar Funken ins stille
Wittgenstein hinüberschlagen zu lassen.
"Das Kreative kommt aus der Vermischung: Aus europäischen,
afrikanischen und indianischen Einflüssen entsteht etwas ganz
Neues."
Genau
das möchte der 43jährige hier vermitteln.
"Ich bin neugierig auf Menschen"
Wir
sitzen im Vorderzimmer des behäbigen Fachwerkhauses zwischen
Skulpturen des Argentiniers Mariano Pagés
und chilenischen Weinen. Vor dem Fenster
liegt still und dunkel der Berleburger Schloßplatz. "Mich
hat immer schon das Unmögliche gereizt", erzählt
Gerd Gerhard.
Eigentlich
hatte der studierte Medienwissenschaftler damals in São Paulo
promovieren wollen. Doch dann begegnete er dem Kameramann Florian
Pfeiffer und stieg in den praktischen Journalismus ein. Als Dolmetscher
und Vermittler half Gerhard bei der Entstehung von Dokumentarfilmen
und Reportagen für Stern und Geo. Er begab sich auf Goldsuche,
lebte sechs Wochen lang unter Straßenkindern, organisierte Hubschrauber
im Urwald, Kontakte zu Kaiman-Wilderern und einen Interview-Termin
mit einem Killer. "Das Schreiben hat mich nie interessiert.
Ich bin einfach neugierig auf Menschen." Als Europäer
in Lateinamerika laufe man leicht Gefahr, nur in den oberen Kreisen
zu verkehren. Nur Journalisten und Künstler bildeten da eine
Ausnahme.
Weinhandel überbrückte Anfangsjahre
Den Künstlern wandte sich Gerd Gerhard nicht gleich
nach seiner Rückkehr aus Brasilien zu. Erst verkaufte er Edelstein-Schmuck.
Das rechte Vorderzimmer im Haus Nr. 6 am Goetheplatz gleich neben
dem Schloß war gerade frei geworden. Später mietete Gerhard
nach und nach weitere Zimmer im Haus,
renovierte
und erkannte, wie gut sich das geräumige Treppenhaus mit den
dunklen Holzdielen für eine Kunstgalerie eignete. Die Freunde
warnten: "Kunst in Bad Berleburg, das geht doch nicht,
geschweige denn lateinamerikanische Kunst."
Aber die Galerie Gerhard überlebte die harten Anfangsjahre. Um
durchzuhalten, eröffnete der rastlose Galerist neben Schmuckgeschäft
und Galerie auch noch einen Weinhandel
und schließlich im vergangenen Jahr Berleburgs einzige Bilderrahmen-Werkstatt.
Auf vier Hochzeiten gleichzeitig tanzen, das schlaucht. "Ich
will meine Kraft jetzt ganz auf die Galerie konzentrieren und nur
noch Unikatschmuck der Goldschmiedin Karin Sander (nicht zu
verwechseln mit der Siegener Rubensförderpreis-trägerin
von 1995) verkaufen." Gerhards Konzept scheint allmählich
aufzugehen. "Nur Ausgefallenes hat in Berleburg eine Chance."
Der Kunstkäufer aus Hemer oder die Schmuckkundin aus Dortmund
sind keine Ausnahme mehr. Ausschließlich lateinamerikanische
Kunst verkauft außer Gerd Gerhard in Deutschland nur noch eine
Freiburger Galeristin.
Da bei uns wenig über die zeitgenössische
Kunst des anderen Kontinents
bekannt
ist, hat der Galerist weitreichende Freiheit, trägt aber auch
eine große Verantwortung und ein hohes Risiko. Die humorvollen
Holzschnitte des Brasilianers Henrique Lemes, Gerd Gerhards erster
Griff, entpuppten sich als Glückstreffer. Bei den Skulpturen
des nicaraguanischen Friedenspriesters Ernesto Cardenal rannten ihm
die Besucher fast die Türen ein. Gewiß, sie wollten weniger
die weithin unbekannten Skulpturen sehen, als den berühmten Theologen
sprechen hören. Doch Kunst und Literatur sieht Gerd Gerhard als
Mitbegründer des Berleburger Literaturpflasters ohnehin gern
vereint. Ausgesprochen gut kamen in Berleburg im vergangenen Herbst
auch die Skulpturen des Argentiniers Mariano Pagés an. Finanziell
am erfolgreichsten war bisher die Ausstellung mit den mondgesichtigen
Kinderbildern des Süditalieners Giovanni
Vetere. Trotzdem soll europäische Kunst
in Berleburg die Ausnahme bleiben.
Ein Kopf voll "unmöglicher" Pläne
Schon
steckt Gerd Gerhard wieder voller Pläne: In ein paar Wochen wird
der Südamerika-
Fan
endlich wieder rüber fliegen, neue Kontakte knüpfen, in
Ateliers und Archiven stöbern. Er will für einen Film über
Fürst-Johann-Moritz und sein Wirken in Brasilien recherchieren
und für Ernesto Federico Scheffer eine Ausstellung organisieren.
Dem 70jährigen Nachfahren Wittgensteiner Auswanderer aus Berghausen
ist schon zu Lebzeiten in Brasilien ein Museum errichtet worden. Klar:
Beim nächsten Berleburger Literaturpflaster über Portugal
ist Gerd Gerhard auch wieder mit einer Ausstellung dabei. Hinzu kommen
noch die ganz unmöglichen Pläne: Ernesto Cardenal, den Befreiungstheologen
Leonardo Boff und Eugen Drewermann an einen Tisch zu holen, oder ausgerechnet
Gabriel Garcia Marquez, der für eine Lesung 30 000 Mark
kassiert, nach Berleburg zu locken. Wer Gerhard kennt, weiß:
Die Chancen stehen nicht schlecht.
bat
Wirtschafts-REPORT
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