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Der
KUNSTHANDEL, Oktober 1999
Kreative
Knochenarbeit im Paradies
Eine
Annäherung an den Bildhauer Volker Schnüttgen
von
Burkhard Hupe
Erste
Annäherung. Ein abgelegener, welliger Waldweg, kerzengerade
Pinien wiegen sich in der wunderbar kühlenden Atlantikbrise,
und dann stehen plötzlich zwei Meter Mensch in der Haustür:
Volker Schnüttgen. Grobes
Schuhwerk, verstaubte Jeans, verschwitztes T-Shirt und darüber
ein Lachen, das von einem Ohr bis zum anderen reicht. Kein Wunder,
denn hier in dieser sanften Hügellandschaft vor den Toren
Lissabons muß das Leben einfach wunderbar sein.
Etwas unerwartet sagt Volker Schnüttgen: "Man fragt
sich schon manchmal, warum man das alles macht." Nanu:
Ein verdorbener Apfel im Paradies? "Wenn ich die Schwierigkeiten
vorher geahnt hätte, dann hätte ich sicherlich nicht
Kunst studiert", legt der 38jährige nach. Ja,
aber... "Natürlich macht das Mut, wenn man gerade
einen Preis bekommen hat, aber es gab Momente, da hatte ich
schon sehr starke Zweifel." Spätestens jetzt wird
es ungemütlich realistisch im Garten Eden, verlieren das
grobe Schuhwerk, die verstaubten Jeans und das verschwitzte
T-Shirt ihre romantische Attitüde. Denn Volker Schnüttgen
hat, wie an jedem anderen Tag der Woche auch, zehn Stunden lang
in einem Steinmetzbetrieb gearbeitet, hat seinen schlaksigen
Körper vom Preßluftbohrer durchschütteln lassen,
bei sengender Hitze mit dem Schweißbrenner geflammt und
kommt jetzt langsam bei einem Glas Weißwein zur Ruhe.
Annäherung,
zweiter Versuch. Die Steinsägerei Figaljor liegt inmitten
einer wenig pittoresken Industrielandschaft, zwischen Lissabon
und dem Atlantik. Die Sonne steht heiß und unbarmherzig
in ihrem Zenit. Hinter der Lagerhalle, in einer kleinen Nische,
umgeben von imposanten Granitblöcken, befindet sich der
temporäre Arbeitsplatz von Volker Schnüttgen. Unter
dem mächtigen, auf Schienen geführten Lastenkran baumelt
ein tonnenschwerer Granitblock. Nur wenige Schritte davon entfernt
dirigiert Schnüttgen dieses Spektakel mit ruhiger Hand
und einer Fernsteuerung. Endlich gleitet der träge baumelnde
Brocken zur Erde, punktgenau auf ein zementiertes Fundament.
Knapp vier Meter ragt der Stein nun stolz in die Höhe und
wirkt doch eigenartig unentschlossen, beinahe wie zum Umfallen
bereit.
Wer will so etwas haben? Fünf Schicksalsgenossen ruhen
der Länge nach auf dem Boden. Schon in wenigen Wochen sollen
die Blöcke als zwei ineinander verschränkte Torbögen
den Vorplatz der Firma Figaljor auflockern. Eine Auftragsarbeit,
die zunächst einmal rhetorisches und erst dann bildhauerisches
Geschick erforderte. Denn die Kunst will auch in Portugal erst
einmal an den Mann gebracht sein. Wer stellt sich schon so ein
Monument vor die Haustür? Das
Veto kommt prompt: "Ich schaffe eigentlich etwas Anti-Monumentales,
denn meine Skulpturen suggerieren, obwohl sie natürlich
stabil und sicher sind, immer ein labiles Gleichgewicht, das
jederzeit erschüttert werden könnte." Einspruch
angenommen. Trotzdem bleibt die Frage: Wer will so etwas haben?
Annäherung, dritter Anlauf - eine Rundfahrt. Über
die ewig verstopften Straßen in der Peripherie Lissabons,
vorbei an Prachtvillen aus den 20er Jahren, hinein in die Elendsquartiere
des ausklingenden Jahrtausends. Endlich, an einer baumbestandenen
Seitenstraße, ein Park, und in dessen Mitte ruht unübersehbar
eine Schnüttgen-Skulptur. Kinder spielen drumherum, Schnüttgen
bleibt in einiger Entfernung stehen, beinahe so, als fürchte
er sich vor dem Wiedersehen mit einer ehemaligen Geliebten.
Ein paar Kilometer weiter. Gleich fünf Straßen treffen
sich an diesem Verkehrskreisel, in dessen Mitte die nächste
Skulptur ruht. Weiter geht's. Zurück am Meer, an einer
schmalen Ausfallstraße ruht ... na ja, schon klar. Kunst
im öffentlichen Raum sagt man dazu wohl. Die Portugiesen
haben Spaß daran und Geld dafür: "Im Unterschied
zu Deutschland wird hier sogar kurz vor der Wahl noch Geld für
Kultur ausgegeben, nur um zu zeigen, daß etwas gemacht
wird." Vielleicht doch ein Paradies?
Annäherung, größtmögliche Nähe. Abendstimmung
an der Praia da Adraga, einer zerklüfteten Sandstrandnische,
nur wenige Kilometer nördlich von Cabo da Roca, westlichster
Zipfel des europäischen Festlands. Der Ozean schiebt ruhige
Wellen gegen die schroffen Felsen, die begierig die letzten
Sonnenstrahlen aufsaugen. Der Blick geht hinaus aufs Meer: "Ich
wollte immer an den Tellerrand", lächelt Schnüttgen,
"und zumindest geographisch habe ich ihn auch gefunden."
Auch nach acht Jahren scheinbar keine Spur von Heimweh oder
anderem sentimentalem Klimbim, oder doch? "Natürlich
gibt es Sehnsucht, auch nach dem Sauerland, nach meinen Freunden
und der Familie", erlaubt sich Schnüttgen dann
doch einen flüchtigen melancholischen Schauer. Trotzdem
kein Gedanke an ein Zurück, höchstens, wenn er in
Deutschland ist: "Richtiges Heimweh habe ich nur nach
Portugal."
Kein Wunder. Was hätte ihm auch Besseres passieren können?
Hier in Portugal hat er Steinbrucharbeiter gefunden, die ihm
helfen und sich außerdem auf seine Kunst einlassen. Vielleicht
nicht unbedingt intellektuell, aber doch emotional und damit
elementar. Hier
hat er Unternehmer kennengelernt, die seine Arbeit ideell und
finanziell unterstützen, hier hat er sich durchgesetzt,
obwohl er am Anfang nicht ein einziges Wort Portugiesisch sprach,
hier hat er die schöne Eugénia erobert und mit ihr
ein Haus gebaut.
Abschied, letzte Klappe. Um halb acht geht der Wecker. Die klobigen
Schuhe stehen vor der Tür, die Jeans wird am Ende der Woche
gewaschen, nur das T-Shirt ist frisch. Der Himmel bedeckt, die
Pinien starr und der Atlantik stumm, das Lächeln da. In
wenigen Wochen muß die tonnenschwere Skulptur auf dem
Hof von "Figaljor" stehen. Was danach kommt, Schulterzucken.
Vielleicht ein neuer Steinbruch im trostlosen portugiesischen
Hinterland, dem Alentejo. Vielleicht ein neuer Auftrag, vielleicht
eine neue Dürrezeit, vielleicht noch einmal das große
Kofferpacken und damit verbunden der Sprung über den Tellerrand
hinweg, "nach Südamerika oder so". Dann
wäre eine Annäherung an den Künstler Volker Schnüttgen
- und nicht nur geografisch - noch einmal eine Herausforderung.
Burkhard
Hupe
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