Volker Schnüttgen
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    von Claudia Böer

Zu übersehen ist sie nicht, die 3,5 Meter hohe Granitskulptur des Bildhauers Volker Schnüttgen inmitten des Hilbecker Kirchplatzes. 3,5 Meter hohe Granitskulptur inmitten des Hilbecker KirschplatzesGleichwohl hat sie nichts Bedrohliches und versucht nicht, sich die örtlichen Gegebenheiten untertan zu machen. Vielmehr reagiert sie in vielfältiger und subtiler Weise auf die Geschichte und die Architektur des Platzes, wobei immer wieder die Zahl drei eine Rolle spielt, angefangen mit den drei historisch wichtigen Funktionen des Platzes: In vorchristlicher Zeit war hier ein Thingplatz, also ein öffentlicher Versammlungs- und Gerichtsort; seit dem Bau der romanischen Kirche im Mittelalter fungiert das Areal als Kirchplatz, und zusätzlich dient es inzwischen durch die Tafeln mit den Namen der Gefallenen in den beiden Weltkriegen als Mahnmal der jüngeren Geschichte. Die Skulptur ist keiner dieser drei Funktionen des Platzes ausschließlich verschrieben, sondern reagiert auf die Bedeutungsvielfalt des - dreieckigen - Platzes: Auf drei aufrechten Granitquadern liegen zwei Rechtecksblöcke, wobei die tragenden "Säulen" jedoch nicht starr monumental Granitskulptur "Tor" von Volker Schnüttgen (Deutschland)gruppiert sind, sondern Neigungen haben. Formal ist die Arbeit streng aufgebaut, aber durch die Aufhebung der Symmetrien wird dem Betrachter unversehens eine persönliche Aufgabe zuteil. Es ist nämlich eine Frage seiner Perspektive auf die Arbeit, seiner Entfernung davon und nicht zuletzt seiner Gestimmtheit, ob er dieses für die Skulptur so elementare Moment des scheinbar Instabilen als gefährlich oder als beweglich-fragend interpretiert. In Zeiten der eigenen inneren Unsicherheit mag die erstere, die angstvollere Wahrnehmung überwiegen. Granitskulptur "Auge um Auge, Zahn um Zahn" von Volker Schnüttgen (Deutschland)Für die zweite spricht zum einen die verblüffende Tatsache, daß die beiden aufliegenden Blöcke nur so wenige Berührungspunkte zu ihren tragenden Elementen haben, daß sie eine geradezu spielerische Leichtigkeit vermitteln. Zum anderen ist es ihre leicht himmelwärts gewandte Form, die fast etwas leicht Kokettes, auf jeden Fall aber Fragendes vermittelt. Angesichts der Kirche im Hintergrund kann sich der Betrachter zum Beispiel fragen: Granitskulptur von Volker Schnüttgen (Deutschland)Wie ist es denn mit der Trinität? Oder, eingedenk der Natürlichkeit des Materials, wie steht es heutzutage um das Gleichgewicht unserer Umwelt? Oder, auf die eigene Befindlichkeit bezogen, wie ist es mit der Schwere von Lasten, die aus der einen Perspektive so leicht erscheinen, aus der anderen eher bedrohlich wirken; sind Probleme manchmal nicht nur scheinbar untragbar? Die Skulptur von Volker Schnüttgen "behauptet" nichts, sie stellt skeptische Fragen an Vergangenheit und Gegenwart. Dabei hat der Künstler eine skulpturale Lösung gewählt, die bei aller Präsenz seiner abstrakten Arbeit formal zugleich weit in die Geschichte zurückgreift. Tuschezeichnung von Volker Schnüttgen (Deutschland)Der Künstler rekurriert bei dieser Komposition (gemeint im eigentlichen Wortsinne des Zusammensetzens) auf das Kontrapost, eine in der griechischen Antike zum Ideal gewordene Form. Thematisch ging es dabei um das Ausloten der Möglichkeiten von Tragen und Lasten beziehungsweise scheinbarem Schweben oder, um es bildlich auszudrücken, um die Spannung zwischen Standbein und Spielbein. Das ist freilich ein zeitloses Thema, das damals wie heute zum Alltag gehört, gilt es doch laufend Schwerpunktentscheidungen zu treffen, die von Dispositionen und Perspektiven abhängen. Tuschezeichnung von Volker Schnüttgen (Deutschland)Auch hier lä8t sich wieder ein Bezug zu den drei historischen Schwerpunkten des Hilbecker Platzes herstellen: Den Thingplatz hat jeder Mensch heute noch mehr oder minder in sich selbst; die Auseinandersetzung mit der Kirche findet zumindest latent auch bei denen statt, die aus der Kirche ausgetreten sind, da unsere Kultur christlich und weitgehend auch klerikal geprägt ist; und die Beschäftigung mit der kriegerischen Geschichte dieses Jahrhunderts gehört zu unserer Verantwortung für die Zukunft. All dies spricht Volker Schnüttgen mit seiner Granitskulptur an, ohne belehren zu wollen. Tuschezeichnung von Volker Schnüttgen (Deutschland)Vielmehr leitet sie den geduldigen Betrachter zur Selbstreflexion und zu der Überlegung, ob wir uns kulturgeschichtlich tatsächlich so enorm weiterentwickelt haben, wie es vielerorts behauptet wird. Und so ist die Arbeit letztlich doch ein Mahnmal: wider die Hybris.



Claudia Böer
Die Autorin ist Galeristin und Kunsthistorikerin; sie lebt in Hannover.

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