Zu
übersehen ist sie nicht, die 3,5 Meter hohe Granitskulptur des
Bildhauers Volker Schnüttgen inmitten des Hilbecker Kirchplatzes.
Gleichwohl
hat sie nichts Bedrohliches und versucht nicht, sich die örtlichen
Gegebenheiten untertan zu machen. Vielmehr reagiert sie in vielfältiger
und subtiler Weise auf die Geschichte und die Architektur des
Platzes,
wobei
immer wieder die Zahl drei eine Rolle spielt, angefangen mit
den drei historisch wichtigen Funktionen des Platzes: In vorchristlicher
Zeit war hier ein Thingplatz, also ein öffentlicher Versammlungs-
und Gerichtsort; seit dem Bau der romanischen Kirche im Mittelalter
fungiert das Areal als Kirchplatz, und zusätzlich dient es inzwischen
durch die Tafeln mit den Namen der Gefallenen in den beiden
Weltkriegen als Mahnmal der jüngeren Geschichte. Die Skulptur
ist keiner dieser drei Funktionen des Platzes ausschließlich
verschrieben, sondern reagiert auf die
Bedeutungsvielfalt des - dreieckigen - Platzes: Auf drei
aufrechten Granitquadern liegen zwei Rechtecksblöcke, wobei
die tragenden "Säulen" jedoch nicht starr monumental
gruppiert
sind, sondern Neigungen haben. Formal ist die Arbeit streng
aufgebaut, aber durch die Aufhebung der Symmetrien wird dem
Betrachter unversehens eine persönliche Aufgabe zuteil. Es ist
nämlich eine Frage seiner Perspektive auf die Arbeit, seiner
Entfernung davon und nicht zuletzt seiner Gestimmtheit, ob er
dieses für die Skulptur so elementare Moment des scheinbar Instabilen
als gefährlich oder als beweglich-fragend interpretiert.
In
Zeiten der eigenen inneren Unsicherheit mag die erstere, die
angstvollere Wahrnehmung überwiegen.
Für
die zweite spricht zum einen die verblüffende Tatsache, daß
die beiden aufliegenden Blöcke nur so wenige Berührungspunkte
zu ihren tragenden Elementen haben, daß sie eine geradezu
spielerische Leichtigkeit vermitteln. Zum anderen ist es ihre
leicht himmelwärts gewandte Form, die fast etwas leicht Kokettes,
auf jeden Fall aber Fragendes vermittelt. Angesichts der Kirche
im Hintergrund kann sich der Betrachter zum Beispiel fragen:
Wie
ist es denn mit der Trinität? Oder, eingedenk der Natürlichkeit
des Materials, wie steht es heutzutage um das Gleichgewicht
unserer Umwelt? Oder, auf die eigene Befindlichkeit bezogen,
wie ist es mit der Schwere von Lasten, die aus der einen Perspektive
so leicht erscheinen, aus der anderen eher bedrohlich wirken;
sind Probleme manchmal nicht nur scheinbar untragbar?
Die
Skulptur von Volker Schnüttgen "behauptet" nichts, sie stellt
skeptische Fragen an Vergangenheit und Gegenwart. Dabei hat
der Künstler eine skulpturale Lösung gewählt, die bei aller
Präsenz seiner abstrakten Arbeit formal zugleich weit in die
Geschichte zurückgreift.
Der
Künstler rekurriert bei dieser Komposition (gemeint im eigentlichen
Wortsinne des Zusammensetzens) auf das Kontrapost, eine in der
griechischen Antike zum Ideal gewordene Form. Thematisch ging
es dabei um das Ausloten der Möglichkeiten von Tragen und Lasten
beziehungsweise scheinbarem Schweben oder, um es bildlich auszudrücken,
um die Spannung zwischen Standbein und Spielbein. Das ist freilich
ein zeitloses Thema, das damals wie heute zum Alltag gehört,
gilt es doch laufend Schwerpunktentscheidungen zu treffen, die
von Dispositionen und Perspektiven abhängen.
Auch
hier lä8t sich wieder ein Bezug zu den drei historischen Schwerpunkten
des Hilbecker Platzes herstellen:
Den
Thingplatz hat jeder Mensch heute noch mehr oder minder in sich
selbst; die Auseinandersetzung mit der Kirche findet zumindest
latent auch bei denen statt, die aus der Kirche ausgetreten
sind, da unsere Kultur christlich und weitgehend auch klerikal
geprägt ist; und die Beschäftigung mit der kriegerischen Geschichte
dieses Jahrhunderts gehört zu unserer Verantwortung für die
Zukunft. All dies spricht Volker Schnüttgen mit seiner Granitskulptur
an, ohne belehren zu wollen.
Vielmehr
leitet sie den geduldigen Betrachter zur Selbstreflexion und
zu der Überlegung, ob wir uns kulturgeschichtlich tatsächlich
so enorm weiterentwickelt haben, wie es vielerorts behauptet
wird. Und so ist die Arbeit letztlich doch ein Mahnmal: wider
die Hybris.
Claudia
Böer
Die
Autorin ist Galeristin und Kunsthistorikerin; sie lebt in Hannover.