Kreative
Knochenarbeit im Paradies vor den Toren Lissabons
Eine Annäherung
an den in Portugal lebenden Bildhauer Volker Schnüttgen - Sauerländer
wird mit Olper Kulturpreis ausgezeichnet
Siegener
Zeitung, 20. Juli 1999
- Olpe/Attendorn/Sintra.
(buhu) Erste Annäherung. Ein abgelegener, welliger Waldweg,
kerzengerade Pinien wiegen sich in der wunderbar kühlen Atlantikbrise,
und dann stehen plötzlich zwei Meter Mensch in der Haustür:
Volker Schnüttgen.
Grobes Schuhwerk, verstaubte Jeans, verschwitztes T-Shirt und darüber
ein Lachen, das von einem Ohr bis zum anderen reicht. Kein Wunder,
denn hier in dieser sanften Hügellandschaft vor den Toren Lissabons
muß das Leben einfach wunderbar sein. Das Meer zum Greifen
nah, die Sonne eine verläßliche Freundin und der Tag
ein Fest der Sinne. Künstler, ach was: Lebenskünstler
müßte man sein.
Verdorbener
Apfel im Paradies
"Man fragt sich schon manchmal, warum man das
alles macht", sagt der Künstler plötzlich. Nanu:
Ein verdorbener Apfel im Paradies? "Wenn ich die Schwierigkeiten
vorher geahnt hätte, dann hätte ich sicherlich nicht Kunst
studiert", legt der 38jährige nach. Ja, aber... "Natürlich
macht das Mut, wenn man gerade einen Preis bekommen hat, aber es
gab Momente, da hatte ich schon sehr starke Zweifel." Spätestens
jetzt wird es ungemütlich realistisch im Garten Eden, verlieren
das grobe Schuhwerk, die verstaubten Jeans und das verschwitzte
T-Shirt ihre romantische Attitüde. Denn Volker Schnüttgen
hat, wie an jedem anderen Tag der Woche auch, zehn Stunden lang
in einem Steinmetzbetrieb gearbeitet, hat seinen schlaksigen Körper
vom Preßluftbohrer durchschütteln lassen, bei sengender
Hitze mit dem Schweißbrenner geflammt und kommt jetzt langsam
bei einem Glas Weißwein zur Ruhe.
Annäherung, zweiter Versuch. Die Steinsägerei Figaljor
liegt inmitten einer wenig pittoresken Industrielandschaft, zwischen
Lissabon und dem Atlantik. Die Sonne steht heiß und unbarmherzig
in ihrem Zenit. Hinter der Lagerhalle, in einer kleinen Nische,
umgeben von imposanten Granitblöcken, befindet sich der temporäre
Arbeitsplatz von Volker Schnüttgen. Unter dem mächtigen,
auf Schienen geführten Lastenkran baumelt ein tonnenschwerer
Granitblock. Nur wenige Schritte davon entfernt dirigiert Schnüttgen
dieses Spektakel mit ruhiger Hand und einer Fernsteuerung. Endlich
gleitet der träge baumelnde Brocken zur Erde, punktgenau auf
ein zementiertes Fundament. Knapp vier Meter ragt der Stein nun
stolz in die Höhe und wirkt doch eigenartig unentschlossen,
beinahe wie zum Umfallen bereit.
Wer
will so etwas haben?
Fünf Schicksalsgenossen ruhen der Länge nach
auf dem Boden. Schon in wenigen Wochen sollen die Blöcke als
zwei ineinander verschränkte Torbögen den Vorplatz der
Firma Figaljor auflockern. Eine Auftragsarbeit, die zunächst
einmal rhetorisches und erst dann bildhauerisches Geschick erforderte.
Denn die Kunst will auch in Portugal erst einmal an den Mann gebracht
sein. Wer stellt sich schon so ein Monument vor die Haustür?
Das Veto kommt prompt: "Ich schaffe eigentlich etwas Anti-Monumentales,
denn meine Skulpturen suggerieren, obwohl sie natürlich stabil
und sicher sind, immer ein labiles Gleichgewicht, das jederzeit
erschüttert werden könnte." Einspruch angenommen.
Trotzdem bleibt die Frage: Wer will so etwas haben?
Annäherung, dritter Anlauf - eine Rundfahrt. Über die
ewig verstopften Straßen in der Peripherie Lissabons, vorbei
an Prachtvillen aus den 20er Jahren, hinein in die Elendsquartiere
des ausklingenden Jahrtausends. Endlich, an einer baumbestandenen
Seitenstraße, ein Park, und in dessen Mitte ruht unübersehbar
eine Schnüttgen-Skulptur.
Kinder spielen drumherum, Schnüttgen bleibt in einiger Entfernung
stehen, beinahe so, als fürchte er sich vor dem Wiedersehen
mit einer ehemaligen Geliebten. Ein paar Kilometer weiter. Gleich
fünf Straßen treffen sich an diesem Verkehrskreisel,
in dessen Mitte die nächste Skulptur ruht. Weiter geht's. Zurück
am Meer, an einer schmalen Ausfallstraße ruht..., na ja, schon
klar. Kunst im öffentlichen Raum sagt man dazu wohl. Die Portugiesen
haben Spaß daran und Geld dafür: "Im Unterschied
zu Deutschland wird hier sogar kurz vor der Wahl noch Geld für
Kultur ausgegeben, nur um zu zeigen, daß etwas gemacht wird."
Vielleicht doch ein Paradies? Annäherung, größtmögliche
Nähe. Abendstimmung an der Praia da Adraga, einer zerklüfteten
Sandstrandnische, nur wenige Kilometer nördlich von Cabo da
Roca, westlichster Zipfel des europäischen Festlands. Der Ozean
schiebt ruhige Wellen gegen die schroffen Felsen, die begierig die
letzten Sonnenstrahlen aufsaugen. Der Blick geht hinaus aufs Meer:
"Ich wollte immer an den Tellerrand", lächelt
Schnüttgen, "und zumindest geographisch habe ich ihn
auch gefunden." Auch nach acht Jahren scheinbar keine Spur
von Heimweh oder anderem sentimentalem Klimbim, oder doch? "Natürlich
gibt es Sehnsucht, auch nach dem Sauerland, nach meinen Freunden
und der Familie", erlaubt sich Schnüttgen dann doch
einen flüchtigen, melancholischen Schauer. Trotzdem kein Gedanke
an ein Zurück, höchstens, wenn er in Deutschland ist:
"Richtiges Heimweh habe ich nur nach Portugal."
Kein Wunder. Was hätte ihm auch besseres passieren können?
Hier in Portugal hat er Steinbrucharbeiter gefunden, die ihm helfen
und sich außerdem auf seine Kunst einlassen. Vielleicht nicht
unbedingt intellektuell, aber doch emotional und damit elementar.
Hier hat er Unternehmer kennengelernt, die seine Arbeit ideell und
finanziell unterstützen, hier hat er sich durchgesetzt, obwohl
er am Anfang nicht ein einziges Wort Portugiesisch sprach, hier
hat er die schöne Eugénia erobert und mit ihr ein Haus
gebaut. Der kleine Volker, der schon als kleiner Junge gerne Steine
zertrümmerte, um deren Staub in Gläser zu füllen;
die glücklich glücklose Zeit als Schießbudenfigur
im Tor des SV Listerscheid; die elterlichen Sorgenfalten nach seiner
Studienentscheidung; die ersten großen Ausstellungserfolge;
das Ende seiner Studienzeit in Bremen; der Absprung nach Portugal
ohne Netz und doppelten Boden - das alles hat seinen Platz: im Fotoalbum
des Herzens
Olper
Kulturpreis-Träger
Abschied, letzte Klappe. Um halb acht geht der Wecker.
Die klobigen Schuhe stehen vor der Tür, die Jeans wird am Ende
der Woche gewaschen, nur das T-Shirt ist frisch. Der Himmel bedeckt,
die Pinien starr und der Atlantik stumm, das Lächeln da. In
wenigen Wochen muß die tonnenschwere Skulptur auf dem Hof
von Figaljor stehen. Was danach kommt, Schulterzucken. Vielleicht
ein neuer Steinbruch im trostlosen portugiesischen Hinterland, dem
Alentejo. Vielleicht ein neuer Auftrag, vielleicht eine neue Dürrezeit,
vielleicht noch einmal das große Kofferpacken und damit verbunden
der Sprung über den Tellerrand hinweg, "nach Südamerika
oder so". Ganz sicher aber ein kurzes Rendezvous mit der
eigenen Geschichte, wenn Volker Schnüttgen im Olper Kreishaus
am 9. August der Kulturpreis des Landkreises verliehen wird.
Von Burkhard Hupe

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