Ein
Geheimtip für alle Südamerika-Fans
Seit 1987 Ausgefallenes in Galerie Gerhard zu sehen - "Expresión
Perú" zeigt aktuelle Kunstentwicklung
Siegener
Zeitung, 29. August 1997
- Bad
Berleburg. Seit er in Berleburg eine Galerie eröffnet hat,
kann Gerd Gerhard nicht mehr so oft seiner Leidenschaft frönen:
Besuche in Südamerika. Also macht er aus der Not eine Tugend:
Er lädt südamerikanische Künstler und Autoren zu
sich ein. Sie stellen in seiner Galerie
aus oder veranstalten Lesungen. Auf diese Weise, sagt Gerd
Gerhard, kann er sich weiter mit Südamerika beschäftigen.
Und Berleburg hat sich so zu einem Geheimtip für Südamerika-Fans
entwickelt. Angefangen hat Gerd Gerhard vor zehn Jahren mit einer
Edelsteinstube. In einem Zimmer verkaufte
er Mineralien, die er von seinem fünfjährigen Aufenthalt
in São Paulo in Brasilien - seine Frau war dort an der deutschen
Schule tätig - mitgebracht hat. Doch bald schon merkte er,
daß es in Berleburg nicht gilt, breite Käuferschichten
anzusprechen. Wer als Gast in Berleburg ist, kauft nur das, was
er in seiner Heimatstadt Düsseldorf, Dortmund, Köln oder
Frankfurt nicht erhalten kann. "Außergewöhnliches"
eben. Und Kunst aus Südamerika ist in Deutschland nicht in
jeder Galerie zu finden.
Daraus entwickelt Gerd Gerhard seine Galerie-Philosophie: exklusiver
Schmuck (Unikate oder Kleinserien, in Zusammenarbeit mit der Goldschmiedin
Karin Sander), Wein (ideal gelagert
im Gewölbekeller des alten Hauses)
und außergewöhnliche Kunst. Er nutzt seit 1993 seine
guten Kontakte, um Künstler aus Brasilien, Argentinien, Chile,
Nicaragua, Guatemala und Kolumbien nach Deutschland zu holen. Bekannte
wie unbekanntere. Oder solche, die normalerweise nicht nach Berleburg
kämen. So zeigte er als erster deutscher Galerist Skulpturen
von Ernesto Cardenal. Auch an der Vermittlung der Lesungen von Ernesto
Cardenal und Gioconda Belli, in Zusammenarbeit mit der Stadt
und einer heimischen Buchhandlung wirkte er mit.
Die Exklusivität hat sich bewährt: Rund 60 Prozent seiner
Stammkunden kommen von außerhalb. Sie wissen, daß sie
in Berleburg Werke "ihres" Künstlers
kaufen können, und nehmen deshalb auch eine Anfahrt in
Kauf. Neben häufig wechselnden Ausstellungen
sind in der Galerie Gerhard auch immer Arbeiten der "Stammkünstler"
zu sehen. Für sie plant Gerd Gerhard regelmäßige
Einzelexpositionen. Einige Künstler werden in Deutschland exklusiv
von dem Wittgensteiner Galeristen vertreten. In diese Richtung will
er in Zukunft verstärkt gehen.
Schön wäre es, sagt Gerd Gerhard, wenn er das Gartenhaus
hinter der Galerie zu Werkstatt, Wohnhaus und Ausstellungsräumen
ausbauen könnte. Vielleicht mit Hilfe eines Stipendiums könnte
dann ein "Künstler in Residenz" dort für
einige Zeit arbeiten und so zur kulturellen Attraktivität Berleburgs
beitragen.
Neben wunderschönem Schmuck aus Kolumbien in Anlehnung an traditionelle
Vorbilder erweitert er derzeit sein geographisches Ausstellungsspektrum
um Peru. Er stellt elf Künstler - Moises Escriba Sulca, Reynaldo
Ari Apaza K'akachi, Cesar Yauri Huanay, Orlando Medianero
Tantachuco, Pedro Sotomayor Flores, Cesar Cirilo Quintana, Urbano
Astuyauri Soto, Alberto Teodoro Ramos Palacios, Julio Segundo Llenque,
Pablo Yactayo und Max Silva Chiroque - aus, die Malerei, Radierungen,
Skulpturen und Keramiken zwischen Tradition und Moderne zeigen.
Gedämpfte, blasse Farben und großflächige Motive
bestechen beispielsweise in Pedro Sotomayor Flores' Arbeiten: Unter
der dekorativen Oberfläche verstecken sich abstrakte Ideen,
die den Zeitlauf symbolisieren. Geradezu elefantös wirken die
Figuren von Moises Escriba Sulca. Und trotzdem liebenswert. "Solidaridad",
Solidarität, nennen sich die vier Musiker, die nur aus Instrument
und Umhang bestehen. Ihr Spiel aber ist äußerst konzentriert
und aufeinander bezogen.
Auf Reynaldo Ari Apaza K'akachis Bildern tummeln sich indianische
Motive zwischen Kontrasten. Hell-dunkel, Bewegung-Muster, Sonne-Mond
stehen für die Dualität, die nur im Dialog überwunden
werden kann. Auf den Bildern des von den Aymara abstammenden Künstlers,
eines indianischen Volkes, das vor den Inka existierte, finden sich
immer wieder Panflöten und Trommeln: Dialog mit Hilfe der Kunst.
Wie in der Galerie.

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