Presseartikel

1994
Linie

    Inos Corradin in Galerie Gerhard
    Bilder strahlen sehr viel Ruhe aus

    Westfälische Rundschau, 1. November 1994

    Bad Berleburg. Mit Inos Corradin stellt derzeit ein international nicht ganz unbekannter Künstler im Treppenhaus der Bad Berleburger Galerie Gerhard aus. Der 1929 in Italien geborene Künstler lebt und arbeitet seit 1950 in Brasilien, wo er seine künstlerische Karriere als Bühnenbildner begann. Bis heute fühlt er sich beiden Heimatländern so sehr verbunden, daß er bei Fußballspielen zwischen Italien und Brasilien in echte Konflikte kommt.
    Der Freund des Schriftstellers Jorge Amado fand schon sehr früh seinen Stil, der sich wenig verändert, die Zeit scheint nicht nur in seinen Bildern stillzustehen. Hier wie dort gibt es kaum Veränderungen. Die Bilder strahlen viel Ruhe aus. Fein abgetönte Flächen mit wenigen Farben und in einfachen geometrischen Formen herrschen vor. Der Stil scheint zwischen Naiver Malerei und Kubismus zu liegen.
    Immer wieder stößt man auf bestimmte Inhalte: riesige Köpfe, winzige Füße, eine gelbe Sonne, die auf anderen Bildern eine gelbe Zitrone wird, ein kleiner Ball in den Farben gelb-grün-weiß-rot, der Kombination der italienischen und brasilianischen Flagge, ein oder zwei kleine Segelschiffe... Auf die Symbolik dahinter angesprochen, leugnet er diese ab. Diese Dinge begleiteten einfach seine Malerei. Einige von ihnen verschwinden mit der Zeit, andere bleiben.
    Er weiß nicht, warum und empfiehlt, Sigmund Freud zu fragen. Auch die großen Köpfe und winzigen Füße seien nur seine Vorstellung von Ästhetik, seine Art, Volumen darzustellen. Ganz mag man sich allerdings mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben, sieht er seinen Figuren doch immer wieder ähnlich. Auch drängt sich die Frage auf, ob seine Bilder, so genau wie sie auf ihre Wirkung hin berechnet zu sein scheinen, konstruiert seien? Nein. Sie entstünden im Kopf und seien fertig, bevor er den Pinsel zur Hand nehme. Der Eindruck, sie seien vom Verstand her gearbeitet, konstruiert, trüge. Es gebe nicht einmal Skizzen.
    Ob Corradin in seinen Bildern sein eher ungeordnetes Leben sortiere? Nun, meint er, das Eine ergänzt wohl das Andere. Auf die Frage nach seiner Arbeitsweise kommt dann Erstaunliches zutage: Er arbeitet systematisch, jeden Tag zehn Stunden diszipliniert und ein Bild nach dem anderen. Und noch einmal wundert man sich.
    Dann nämlich, wenn Corradin erzählt, er habe in den über 40 Jahren künstlerischen Schaffens lediglich drei Menschen gemalt, alle anderen Figuren entsprängen der Phantasie. Damit hat er sich bewußt gegen die "akademische Malerei", auch gegen eine klassische Ausbildung entschieden, in deren Verlauf das Malen von Menschen und nach der Natur unverzichtbarer Bestandteil ist.
    Die Ausstellung ist bis zum Jahresende im Treppenhaus der Galerie Gerhard am Goetheplatz zu sehen.
    Westfälische Rundschau

    Kunst aus Brasilien
    im Blick - Kultur aktuell (Siegener Zeitung), Nr. 19 vom 28. Oktober bis 10. November 1994

    Im Rahmen der Reihe "Kunst im Treppenhaus" zeigt die Bad Berleburger Galerie Gerhard vom 28. Oktober bis zum Ende des Jahres Bilder des brasilianischen Malers Inos Corradin. Nachdem es dem Inhaber Gerd Gerhard im April gelungen ist, den als Dichter, Priester und Revolutionär bekannten Ernesto Cardenal in seiner nahezu unbekannten Eigenschaft als Bildhauer erstmalig mit seinen Skulpturen in Deutschland vorzustellen, hat er es nun geschafft, diesen international bekannten Maler nach Bad Berleburg zu holen. Zwei Ausstellungen macht dieser ansonsten in São Paulo lebende Künstler pro Jahr in Europa: 1994 werden es Wiesbaden (Januar) und Bad Berleburg sein! Die Vernissage findet am 27. Oktober, 20 Uhr, statt.
    Inos Corradin wurde 1929 in Castelbaldo (Padua) in Italien geboren. 21jährig wandert er 1950 nach Brasilien aus, wo er zunächst als Bühnenbildner arbeitet. Aber bereits zwei Jahre später wird er zur zweiten Ausstellung der Modernen Kunst in São Paulo eingeladen. Ein Jahr später folgt dann seine erste Einzelausstellung in Salvador de Bahia. Unzählige weitere folgten, zunächst in Brasilien, wo er bald als ein Meister der neuen Künstlergeneration gilt, und später im südamerikanischen und europäischen Ausland.
    Seine Bilder hängen inzwischen in dem berühmten Kunstmuseum "Assis Chateaubriand" und dem Museum für Moderne Kunst in São Paulo, dem Museum für Moderne Kunst in Tel Aviv in Israel sowie in vielen Privatsammlungen in Italien, Frankreich, Belgien, Holland, Schweiz, England, Deutschland, Israel, Argentinien, Kanada und den USA.
    Inos Corradin lebt und arbeitet in São Paulo/Brasilien.
    Wittgensteiner Wochenanzeiger

    Die poetische und sinnbildliche Welt des Malers Inos Corradin
    "Galerie Gerhard" zeigt bis Ende des Jahres ungewöhnliche Bilder
    Siegener Zeitung, 28. Oktober 1994

    Bad Berleburg. Mit Inos Corradin hat das Bad Berleburger Publikum seit gestern einen ausgereiften Künstler vor sich. Seine Bilder bestechen durch einfache Klarheit und wirken durch die souveräne Technik. "Ein Perfektionist" meinen die, die ganz nahe an die Bilder herantreten und feine schwarze Trennlinien zwischen den Farbflächen erkennen. Ordentlich, sauber und aufgeräumt. Mit Hilfe seiner streng eingehaltenen Technik erzeugt Corradin Ruhe und Harmonie. Er vereinfacht und reduziert die Bildinhalte so stark, daß dem Betrachter genügend Spielraum für eigene Interpretationen bleibt.
    Von Italien nach Brasilien ausgewandert
    Es sind Menschen des Theaters, des Zirkus', wenn Menschen auf den Bildern überhaupt auftauchen. Sie spielen eine Rolle und sind nicht mehr das, was sie darstellen oder tun. Verständlich, wenn der Betrachter weiß, daß Inos Corradin seit 1950 als Bühnenbildner gearbeitet hat, seit der Zeit, in der er sein Heimatland Italien gegen Brasilien eingetauscht hat.
    Auf räumliches Sehen verzichtet
    Bildbetrachter haben den Eindruck, vor einem geöffneten Vorhang zu stehen: Die großen ruhigen Flächen des Hintergrunds (Erde, Wasser, Himmel) entsprechen dem Orchestergraben, dem Bühnenboden und dem Prospekt. Corradins Arbeit hat Spuren hinterlassen. Er verzichtet vollkommen auf das räumliche Sehen. Die naiven Darstellungen bringen lediglich das Wesentliche zur Geltung: Eine poetische, sinnbildliche Welt, die grafische Erfahrung und Sensibilität in der Farbabmischung zeigt.
    Kubistische Tendenz kaum zu übersehen
    Auffällig ist Corradins kubistische Tendenz: Der gestrenge Waagerecht-Senkrecht-Aufbau erzeugt Statik und Bewegungslosigkeit, durchbrochen von schrägen Schatten und witzigen Bildelementen, wie bunten Bällen, kleinen Leuchttürmen und flatternden Vögeln, die in der Luft erstarrt sind. Es sind die Darstellungen der Kinder, auch ihre Alltagsobjekte, wie Papierboote und -hüte, kleine Fische und vereinfachte Häuser. Die strenge Grafik wird jäh durchbrochen von der Kraft der Farbe, die so souverän abgemischte Kontraste bietet und Verbindungen schafft. Viele Grün-Blau-Töne erzeugen Ruhe und Kühle. Es überwiegt reines Petrol in Hell-Dunkel-Abmischungen besonders in den Nachtbildern.
    Nasen als abschattierte Dreiecke
    Lediglich die Gesichter der dargestellten Personen lassen etwas von der Gleichzeitigkeit der perspektivischen Betrachtungsweise erahnen, die im Kubismus gang und gäbe waren. Die Nasen sind abschattierte Dreiecke kontrastierend zu den ovalen und flächigen Augen. Lippen werden auf zwei Halbkreise reduziert, einfache Linien verlängern die Richtung und verstärken im Kleinen: exakt, genau, reduziert und eingegrenzt. Inos Corradin komponiert sehr stark. Die Bilder wirken vorgedacht, nicht aber aus dem Bauch heraus freigearbeitet. Inos Corradin spielt mit eckigen und runden Formen, immer sind Entsprechungen zu finden, sowohl formell als auch farblich. Und immer gibt es trotz aller Ruhe einen spannenden Blickfang: Eine rosa Wolke inmitten zweier weißer, bunter Blütenblätter auf dunkelster Fläche oder einer der seltenen organischen Formen, die Zitrone, zwischen rechteckigen Flächen. Ein Grafiker, der malt wie die Kinder.
    Vernissage ungewöhnlich gut besucht
    Immerhin genießt der in São Paulo lebende Künstler auch international mittlerweile einen ausgezeichneten Ruf. So war es wenig erstaunlich, daß sich gestern abend beinahe 100 Gäste in der "Galerie Gerhard" am Bad Berleburger Goetheplatz einfanden, um der Vernissage beizuwohnen. Die Bilder von Inos Corradin sind noch bis Ende des Jahres zu sehen.
    Siegener Zeitung

    "Kunst im Treppenhaus" zeigt Werke von Corradin
    Westfälische Rundschau, 27. Oktober 1994

    Bad Berleburg. "Kunst im Treppenhaus" zeigt neue Bilder des brasilianischen Malers Inos Corradin, die von Freitag, 28. Oktober, bis zum 31. Dezember in der Galerie Gerhard am Bad Berleburger Goetheplatz zu sehen sind.
    Der aus Italien stammende und in São Paulo lebende Inos Corradin gilt in Brasilien als Meister einer neuen Künstlergeneration. Seine Bilder hängen in bekannten internationalen Kunstmuseen. Sein malerisches Werk ist auf die Urbilder von Wesen und Gegenständen, auf Widerschein des Einfachen, des Alltäglichen ausgerichtet.
    Inos Corradins Bilder zeigen szenografische Darstellungen von Personen, Tieren oder Landschaften, wie in einem Theater, oder geometrische Landschaften. Corradins Bilder zeigen Gegenstände als Metaphern, die Ausdruck nicht nur dessen sind, was der Maler sieht, sondern auch, was er fühlt. Die Vernissage der Ausstellung ist am heutigen Donnerstag um 20 Uhr in der Galerie Gerhard.
    Westfälische Rundschau

    Inos Corradins Bilder hängen in Bad Berleburger "Treppenhaus"
    Galerie Gerhard stellt brasilianischen Maler exklusiv in Europa vor
    Westfalenpost, 27. Oktober 1994

    Bad Berleburg. "Kunst im Treppenhaus" heißt eine neue Ausstellungsreihe in der Galerie Gerhard. Ab morgen, 28. Oktober, sind dort bis Jahresende neue Bilder des brasilianischen Malers Inos Corradin zu sehen.
    Der gebürtige Italiener kam 1929 bei Padua zur Welt. Mit 21 Jahren wanderte er nach Brasilien aus, wo er zunächst als Bühnenbildner arbeitete. Nebenbei malte er und wurde deswegen zwei Jahre später zur Ausstellung für Moderne Kunst nach São Paulo eingeladen. Im Jahr darauf gab er seine erste Einzelausstellung in Salvador de Bahia. Weitere folgten, zunächst in Brasilien, später in Südamerika und Europa. Bald schon galt er als ein Meister der neuen Künstlergeneration Brasiliens. Heute hängen seine Werke im Museum für Moderne Kunst in São Paulo und im Kunstmuseum "Assis Chateaubriand", im Museum für Moderne Kunst im israelischen Tel Aviv sowie in Privatsammlungen auf der ganzen Welt. Inos Corradin lebt in São Paulo.
    Nachdem es Gerd Gerhard gelungen ist, den Dichter, Priester, Revolutionär und Friedenspreisträger Ernesto Cardenal nach Berleburg zu holen und dessen unbekanntes Schaffen als Bildhauer erstmalig in Deutschland vorzustellen, präsentiert er nun diesen international bekannten Maler in Wittgenstein.
    Westfalenpost

    Kunst im Treppenhaus
    Wittgensteiner Wochenpost, 26. Oktober 1994

    Bad Berleburg. Im Rahmen der Reihe "Kunst im Treppenhaus" werden vom 28. Oktober bis zum Ende des Jahres in der Galerie Gerhard neue Bilder des brasilianischen Malers Inos Corradin ausgestellt.
    Corradin wurde 1929 im italienischen Castelbaldo geboren. 21jährig wanderte er 1950 nach Brasilien aus, wo er dann zunächst als Bühnenbildner arbeitete. Bereits zwei Jahre später wird er zur zweiten Ausstellung der Modernen Kunst in São Paulo eingeladen. Ein Jahr später dann die erste Einzelausstellung. Unzählige weitere folgten, zunächst in Brasilien, wo er bald als ein Meister der neuen Künstlergeneration gilt, später im südamerikanischen und europäischen Ausland.
    Inzwischen sind seine Werke auf der ganzen Welt in den Museen für Moderne Kunst ausgestellt.
    Die Vernissage für die Neuauflage der "Kunst im Treppenhaus" findet am Donnerstag, 27. Oktober, um 20 Uhr in der Galerie Gerhard, Goetheplatz 6, statt.
    Inos Corradin wird persönlich anwesend sein.
    Wittgensteiner Wochenpost

    Kurze Geschichte über die Sprachlosigkeit
    Kellerlesung mit José F. A. Oliver in der Galerie Gerhard - Faszinierende Lyrik in deutscher Sprache

    Siegener Zeitung, 21. Juni 1994

    Bad Berleburg. Dies ist eine kurze Geschichte über die Sprachlosigkeit.
    José F. A. Oliver hat soeben ein letztes Mal an diesem Abend gesungen. Ein Stück für die Siegerin über den Winter. Doch nicht der Gesang allein war es, der die Menschen in einen niemals faßbaren Bann zog. Es ist die Kraft der Worte, die noch immer wie ein die Gedanken lähmender Schleier nachwirkt. "Worte müssen der Stille standhalten können, nachdem man sie ausgesprochen hat", sagt Oliver.
    Den derzeit vielleicht einzigen deutschen Lyriker von Bedeutung prägt eine tiefe Liebe zu Deutschland und gleichzeitig eine fast unaussprechliche Angst vor denen, die Oliver "Deutschländer" nennt. "Worte müssen der Stille standhalten können" - das ist eine Ohrfeige für diejenigen, die sich im politischen Tagesgeschäft mit Worthülsen über Wasser halten oder für die, die mit der Verbreitung derselben ihr Brot verdienen.
    Es ist dies wie gesagt eine Geschichte über die Sprachlosigkeit. Aus gutem Grund. Da kommt also der 33jährige Sohn einer andalusischen Gastarbeiterfamilie aus dem Schwarzwald nach Bad Berleburg gefahren, um deutsche Sprache zu zelebrieren. Nicht etwa gekünstelt. Nein: Olivers Lyrik ist hart erarbeitet, denn er schreibt über das, was er nicht versteht. Eigentlich wäre es ja einfach, sich zurückzulehnen, ein breites und wissendes Lächeln aufzusetzen, um lapidar festzustellen, daß "diese Lyriker in einem stillen Kämmerlein irgendwelche weltentrückten Dinge zu Papier bringen". Allein: Bei Oliver ist dem Zuhörer dieser Fluchtweg verbaut.
    Verlorene Heimat und geliebte Fremde
    Zwar gibt es auch in der Lyrik des Hausachers Gedanken und Bilder, die vielen Menschen verschlossen bleiben. Doch wer sich darauf einläßt, der erkennt immer die klare Motivik seiner Verse: den Zwiespalt zwischen verlorener Heimat und geliebter Fremde, die Forderung nach Politik, die im Einklang mit der Liebe zum Menschen stehen soll. Was sich hier verschwommen anhören mag, gewinnt vor dem biografischen Hintergrund Olivers an Schärfe. Diese eigene Geschichte vom Aufwachsen in einem der andalusischen Heimat verpflichteten Elternhaus, vom Heranreifen in der deutschesten aller Regionen: dem Schwarzwald. Diesen Seiltanz zwischen zwei Kulturen konnte Oliver wahrscheinlich nur mit dem Erlernen und Erfahren der deutschen Sprache meistern.
    Politische Rechte eingefordert
    Doch noch immer weiß Oliver scheinbar nicht, nach welcher Seite er sich wenden soll. Natürlich gilt seine Liebe Deutschland und seiner Sprache. Aber da ist die Angst, dieser vergessen geglaubte Schmerz bei der Erinnerung an die eigene Herkunft. Nicht von ungefähr daher der Titel seines neuesten Lyrikbands: "Gastling". Zwischen gern gesehenem Gast und mißtrauisch stimmenden Fremdling, so definiert er wohl seine Rolle, gleichwohl er nicht mehr fordert als das Recht, über sein Leben mit allen Möglichkeiten zu bestimmen, die jedem Deutschen zustehen. Die neue alte Angst des José F. A. Oliver findet ihren stärksten Ausdruck in dem Gedicht "heute":

    heute
    da ich begegne den
    deutschländern
    nehme ich abschied
    weg voran
    in die wortpause
    wacher fingerkuppen
    wünsche mir/euch
    zarte lippen nur
    zu teilen
    eure angst/meine
    wieder
    laßt uns auf-
    lösen die tränen
    gemachten farben
    laßt uns bloß-
    stellen innenköpfe
    die gemästet werden
    laßt uns auf-
    brechen die doppel
    züngigen gerechtigkeiten
    mut voran
    wie ein lächeln
    die nacht erstreift


    In Bad Berleburg war es überdies nicht allein die Kraft seiner Verse, die jene Sprachlosigkeit erzeugte. Es war vielmehr jenes - erste - Stück Prosa, das er im kommenden Frühjahr publizieren will und das im Kellergewölbe der Galerie Gerhard zum ersten Male überhaupt vorgetragen wurde. In dieser "hoffnungsvollen Erzählung" beschreibt José Oliver das "Heimische an der Fremde" und erzählt damit seine eigene Geschichte. Ähnlich seinen fugenähnlichen Versen ist auch die Kurzprosa von einer unglaublichen Dichte in der Sprache geprägt. "Widerstand hat fünf Buchstaben - LIEBE", ist die Erzählung überschrieben. In dieser kunstvollen, jedoch niemals künstlichen Verbindung aus Melancholie und Hoffnung erinnert er sich "der fordernden Zärtlichkeit der Mutterhände" und konstatiert schließlich mit wachem Auge und feinem Gespür für zwischenmenschliche Defizite: "Akzeptanz ist die Tochter der Begegnung."
    Da kam also dieser Sohn andalusischer Gastarbeiter nach Bad Berleburg, um der deutschen Sprache seine Gefühle und Sehnsüchte, seine Hoffnungen und Ängste abzuringen, und niemals zuvor scheint dies glaubhafter gelungen. Und langsam begreift man, daß das Verstehen der eigenen Sprachlosigkeit und der Kampf gegen diesen Zustand vielleicht die Voraussetzung für Veränderungen sein muß. (buhu)
    Siegener Zeitung

    Kultfigur Ernesto Cardenal: Priester, Politiker und Poet
    "Botschaft in Worte gekleidet und vermittelt ein Hoffnungspotential"
    Westfalenpost, 19. April 1994

    Bad Berleburg. Er ist eine Kultfigur der sandinistischen Revolution in Nicaragua, er ist Politiker, er ist Priester und er ist Poet: Ernesto Cardenal war am Sonntag Gast in Bad Berleburg und zog bei seinem "Gastspiel" einige hundert Menschen in seinen Bann.
    Ernesto Cardenale, 1925 in Granada/Nicaragua geboren, studierte Literaturwissenschaften. Seine Arbeiten waren stets geprägt von der Geschichte und politischen Gegenwart Zentralamerikas. 1954 nahm er an der gescheiterten April-Rebellion teil. Danach ging er in ein Kloster, studierte dann Theologie und wurde mit 40 Jahren zum Priester geweiht. Er war der Gründer der legendären klosterähnlichen Kommune "Solentiname". Nach dem Sieg der sandinistischen Revolution wurde er Kulturminister, bis sein Ministerium 1987 aus Kostengründen aufgelöst wurde. Er sieht sich weiterhin als Sandinist und Sozialist. 1980 wurde ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen.
    Eine Ausstellung von ihm geschaffener Skulpturen in der Galerie Gerhard zeigt die Schaffenskraft Cardenals. Er bevorzugt die Einfachheit, seine Werke sind meist schlicht und haben sich im Laufe seiner Entwicklung stilisiert: sie nehmen immer mehr die Form eines Eies an, was er als vollkommen und schön ansieht. Seine Motive stammen überwiegend aus Flora und Fauna, womit er auch ausdrücken will, daß diese erhaltenswert sind. Eine Vorliebe hat er für den Reiher entdeckt. Mehrere Werke dieses Vogels, dessen Formen Cardenal faszinieren, sind in der Ausstellung, die bis zum 29. Mai läuft, zu sehen.
    Bei der Vernissage war die Galerie Gerhard mit Menschen überfüllt. Großer Andrang herrschte auch bei Cardenals Konzertlesung, die wegen der großen Nachfrage vom Kurhaus ins Bürgerhaus verlegt wurde. Unter dem Motto "Aber die Hoffnung bleibt" las er aus früheren Werken, genauso wie aus seinem 1989 erschienenen umfangreichen lyrischen Werk "Cantico Cosmico", das in Deutschland unter dem Titel "Wir sind Sternenstaub" erschienen ist. Der Mensch an sich und in der Gesellschaft und Geschichte, dies waren seine Themen. Mal lustig, mal nachdenklich und immer bewegend trug er die Prosatexte und Gedichte in seiner Heimatsprache vor, die vom Schauspieler Klaus Götte einfühlsam übersetzt wurden. Die literarische Reise Cardenals wurde von der "Grupo Sal" musikalisch begleitet. Die Gruppe konnte mit ihren hervorragend dargebrachten Latino-Klängen das Publikum mitreißen, so daß sowohl Ernesto Cardenal, als auch Grupo Sal erst nach einer Zugabe von den begeisterten Zuhörern mit stehenden Ovationen entlassen wurden.
    Der 69jährige lebt heute zurückgezogen in Managua. Einmal im Jahr unternimmt der ewige Optimist eine Vorlesungsreise, um, da macht er kein Hehl raus, damit auch Geld zu verdienen. Warum besitzt Ernesto Cardenal auch heute noch so eine große Anziehungskraft, warum zieht er auch so viele junge Menschen in seinen Bann? Der Leiter seines Verlages, Hermann Schulz, der ihn seit 1969 kennt, erklärt es so: "Er hat Charisma, er hat eine Botschaft, er kleidet sie in einfache Worte und vermittelt ein Hoffnungspotential."
    Westfalenpost

    Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben
    Westfälische Rundschau, 18. April 1994

    Bad Berleburg. Als Revolutionär, Schriftsteller und Befreiungstheologe ist Ernesto Cardenal, früherer Kulturminister Nicaraguas, bekannt. Als Bildhauer ist er bei uns noch zu entdecken. Die Skulpturen Cardenals sind erstmals in Deutschland zu sehen.
    Gerd Gerhard, ein auf südamerikanische Kunst spezialisierter Galerist, holte die Arbeiten, die zuvor nur in Iserlohn zu sehen waren, nach Bad Berleburg. Gestern wurde die Ausstellung im Beisein Cardenals eröffnet.
    Die Skulpturen überraschen in mehr als einer Hinsicht. Sie bestechen durch rigorose Einfachheit und sind auf Natur-Motive konzentriert. Zur Komplexität von Cardenals Poesie und auch zu seinem politischen Engagement, scheint das bildhauerische Werk des 69jährigen in unvereinbarem Widerspruch zu stehen.
    Arbeiten aus Holz und Metall stellt Cardenal in Bad Berleburg vor. Darstellungen von Revolutionsszenen, direkte Auseinandersetzungen mit dem Leid, das die südamerikanischen Völker durch Kolonisation und Diktatur erfuhren, sucht man vergeblich. Kakteen, Fische, Vögel beherrschen das Bild.
    Es gibt keine Ausarbeitung ins Detail, alles ist auf Grundformen reduziert. Es ist, als suche der frühere Mönch Cardenal, der sich mit Meditation auf die bildhauerische Arbeit einstellt, nach nichts anderem als einer Urgestalt.
    Gerade in dieser Einfachheit und in der Beschränkung auf Natur-Motive kann aber auch ein politischer Akzent gesehen werden. Es ist die Sehnsucht nach einem unüberschaubaren, von Vertrauen und Sicherheit bestimmten Leben, und es ist die Furcht vor der gerade auch in den Urwäldern Südamerikas alltäglich erfahrbaren Zerstörungskraft der Moderne.

    Von Uwe Vormweg
    Westfälische Rundschau

    Großer Bahnhof für das Idol der Unterdrückten:
    Ernesto Cardenals Arbeiten preisen das einfache Leben

    Westfälische Rundschau, 18. April 1994

    Bad Berleburg. Großer Bahnhof gestern nachmittag in der Bad Berleburger Galerie Gerhard. Es hieß, einen großen Künstler zu empfangen. Ernesto Cardenal, Kultfigur der Sandinistischen Revolution in Nicaragua, kam zur Eröffnung einer Ausstellung, die seiner in Deutschland bisher kaum bekannten bildhauerischen Arbeit gewidmet ist.
    Im Gedränge der Fans, Kultur-Neugierigen und zahlreich angereisten Medienvertreter wirkte der bescheiden und zurückhaltend auftretende Ernesto Cardenal wie ein Fremdkörper. Cardenal, der lange Zeit als Mönch im Kloster lebte, hatte sich eben nicht - wie manch anderer - schick gemacht.
    Einfache Jacke, einfaches Hemd, Baumwoll-Hose und barfuß in Sandalen. Ein 69jähriger Mann, der seine Ideale nicht nur im Munde führt, ließ das Begrüßungszeremoniell sanft lächelnd über sich ergehen.
    Die Einfachheit, die der Schriftsteller und Bildhauer im alltäglichen Leben praktiziert - der ehemalige Kulturminister Nicaraguas bekommt übrigens auch keine Amts-Pension -, findet sich in seinen Skulpturen wieder.
    Die Skulpturen bestechen gerade durch ihre Einfachheit. Arbeiten aus Holz und Metall stellt Ernesto Cardenal in Bad Berleburg vor. Die Skulpturen befinden sich im Grunde erstmals auf bundesdeutschem Boden, zuvor waren sie nur in Iserlohn zu sehen. Der Bad Berleburger Galerist Gerd Gerhard (43) konnte sie aufgrund seiner guten Kontakte zur südamerikanischen Kunstszene nach Bad Berleburg holen.
    Natur-Motive herrschen vor. Darstellungen von Revolutionsszenen, direkte Auseinandersetzungen mit dem Leid, das die südamerikanischen Völker durch Kolonisation und Diktatur erfuhren, sucht man vergeblich. Kakteen, Fische, Vögel beherrschen das Bild.
    Keine Ausarbeitung ins Detail, alles ist auf die bloße Grundform reduziert. Es ist, als sucht Cardenal nach nichts anderem als einer Urgestalt. Dennoch stehen Cardenals Skulpturen nur scheinbar in einem Widerspruch zu seinem politischen Engagement und zur Komplexität von seiner Poesie, die er gestern abend dann bei einer Konzertlesung im Bürgerhaus am Markt vorstellte. Gerade in dieser Einfachheit und in der Beschränkung auf Natur-Motive kann auch ein politischer Akzent der Skulpturen-Kunst Cardenals gesehen werden.
    Es ist die Sehnsucht nach einem überschaubaren, Sicherheit bietendem Leben, und es ist die Furcht vor der gerade auch in den Urwäldern Südamerikas alltäglich erfahrbaren Zerstörungskraft der Moderne. Die Ausstellung läuft bis zum 29. Mai. Öffnungszeiten: montags bis freitags 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr, samstags 10 bis 12 Uhr, sonntags 11 bis 17 Uhr.
    Westfälische Rundschau

    Chaos mit Methode: Gerd Gerhard setzt mit Erfolg auf den Reiz des Exotischen
    Galerie inzwischen bundesweit in Adreßbüchern des Kulturmanagements

    Westfälische Rundschau, 15. April 1994

    Bad Berleburg. Gerd Gerhard (43), auf südamerikanische Kunst spezialisierter Bad Berleburger Galerist mit Hut, hat ein ureigenes Rezept: "Ich bin chaotisch!".
    Das Chaos hat allerdings Methode und ist schon fast gleichzusetzen mit Erfolg. Als Gerhard 1987 in Bad Berleburg zunächst mit dem Verkauf von Schmuck aus Südamerika anfing und später seine Galerie am Goetheplatz eröffnete, rieten Freunde ab: "Das paßt doch nicht nach Berleburg." Gerhard hörte nicht hin, und behielt recht.
    Gerade der Reiz des Unkonventionellen zog. Die Südamerika-Galerie und die Konzerte und Lesungen, die Gerhard mit südamerikanischen Musikern und Schriftstellern in der Odeborn-Stadt organisiert, haben Bad Berleburg inzwischen zu einer der ersten bundesdeutschen Adressen für die Vermarkter von Künstlern aus Guatemala bis Argentinien werden lassen.
    Bei seiner Galeristen-Tätigkeit nutzt Gerhard die Kontakte, die ihm ein längerer Aufenthalt in Südamerika einbrachte. Chaotisch verlief schon der Weg, der den gebürtigen Dreis-Tiefenbacher vor acht Jahren nach Bad Berleburg führte. Gerd Gerhard ("Ich gehe nie direkt von A nach B") machte einen längeren Umweg über Brasilien. Fünf Jahre arbeitete er als Journalist in Sao Paulo.
    Ein Trip mit Konsequenzen: Mögen andere ihr Herz nur bis nach Heidelberg tragen, der frühere Publizistik-Student verlor seins an Südamerika. Vor allem der Mentalität der Brasilianer gilt die Liebe. Gerhard zur WR: "Wir sind doch in Deutschland in vielen Dingen in der Sackgasse. Alles bleibt auf den eingefahrenen Wegen." Südamerika sei da ein Gegenbild: "Da ist ständig alles in Bewegung."
    Dieses Gegenbild will der Galerist mit seinen regelmäßigen Präsentationen südamerikanischer Maler und Bildhauer auch in Bad Berleburg zugänglich machen. Gerhard: "Das kreative Potential, das der südamerikanische Alltag von den Menschen fordert, spiegelt sich in der Kunst wider."
    Da Bad Berleburg sich als gutes Pflaster erwies - Veranstaltungen mit südamerikanischen Künstlern ziehen hier oft mehr Publikum an als in bundesdeutschen Großstädten -, fallen dem Mann mit dem Hut die Veanstaltungen jetzt immer öfter geradezu in den Schoß. Die Frankfurter Buchmesse etwa hat eine Prioritätenliste, nach der die Lesereisen südamerikanischer Schriftsteller organisiert werden. Reihenfolge: Aachen, Bad Berleburg, Berlin. So bekam Gerhard auch Nicaraguas Revolutions-Idol Ernesto Cardenal, der morgen Bad Berleburg besucht, im Grunde auf dem Silberteller serviert.
    Kein Wunder, daß der Freund der Umwege die Bad Berleburger Kultur-Szene für weiter ausbaufähig hält: "Gelänge es, die Kräfte der einzelnen Kulturanbieter in der Stadt zu bündeln, könnte man noch einiges erreichen."
    Westfälische Rundschau

    Priesterpoet in Bad Berleburg: Ernesto Cardenal hält Lesung
    im Blick, 12. April 1994

    Er ist bis heute eine "Kultfigur" der sandinistischen Revolution in Nicaragua und gehört zu den moralischen Vorbildern seiner Nation: Ernesto Cardenal, Priester und politischer Theologe, nach dem Sturz des Somoza-Regimes langjähriger Kulturminister Nicaraguas, liest am Sonntag, 17. April, um 20 Uhr im Kurhaus Bad Berleburg, aus seinem lyrischen Werk.
    Revolutionäres Christentum
    Cardenal, der aktiv im Widerstand gegen die Diktatur des Somoza-Clans arbeitete, hat als Poet, Priester und Politiker bewiesen, daß die reale Kraft der Literatur und Religion und umgekehrt eine humane Dimension der Politik existieren. In seinem Leben verkörpert er die Wirksamkeit revolutionären Christentums und politischen Engagements.
    Es war wohl insbesondere die geheimnisvolle Aura der Gemeinschaft von Solentiname, jener Inselgruppe im Großen See vor Nicaragua, die die Menschen von einem anderen, besseren Leben träumen ließ. Ernesto Cardenal stand und steht als Synonym für diesen Ort der Besinnung, der Poesie und der Solidarität mit den Ärmsten der Armen. Cardenal beließ es jedoch nicht beim bloßen Traum, sonern versuchte, nach dem Sturz des Somoza-Regimes als Kulturminister der neuen Regierung ein menschliches Gesicht zu verleihen.
    Die politische Theologin Dorothee Sölle schreibt über Cardenals poetisches Werk: "Ernesto Cardenal verbindet biblische und moderne Elemente ohne Bruch. Die gegenwärtige Welt gerät keinen Augenblick aus den Augen. Die Mittel, mit denen Menschen heute von Menschen bedroht werden, haben sich differenziert, aber Angst und Protest, das Leiden an Unrecht und der Jubel der Befreiung sind sich gleich geblieben."

    "Grupo Sal" wieder dabei
    Übersetzt wird der Priesterpoet an diesem Abend von Klaus Götte. Die musikalische Begleitung der literarischen Reise übernimmt die Tübinger "Grupo Sal", die bereits bei der Lateinamerika-Woche in Bad Berleburg zu Gast war. Veranstaltet wird die Konzertlesung vom Kulturring der Wittgensteiner Kuranstalt, der Galerie Gerhard und der Buchhandlung Nohl, die damit die Reihe "Literatur und Musik" vom letzten Juni fortsetzen. Karten sind im Vorverkauf bei den Veranstaltern zu bekommen.

    Kreuzweg von Solentiname
    Am selben Tag ist in der Bad Berleburger Galerie Gerhard am Goetheplatz 6 um 15 Uhr die Vernissage zur Ausstellung mit Skulpturen Cardenals sowie einem gemalten Kreuzweg der Bauern von Solentiname. Auf Solentiname, einem kleinen Archipel im Nicaraguasee, gründete Cardenal 1966 gemeinsam mit Bauern eine Kommune. Die Frauen und Männer von Solentiname setzen sich in den 15 Bildern der Passion Jesu mit ihrer eigenen Unterdrückungsgeschichte auseinander. Ernesto Cardenal ist als Bildhauer mit 17 Skulpturen vertreten. Julio Castillo nennt ihn den nicaraguanischen Bildhauer "mit der größten künstlerischen Eigenständigkeit". Cardenal ist zur Vernissage selbst anwesend. Die Ausstellung ist bis zum 29. Mai zu sehen.
    Wittgensteiner Wochenanzeiger

    Politischer Poet und suspendierter Priester besucht Bad Berleburg
    Ernesto Cardenal liest im Kurhaus aus frühen und aktuellen Werken

    Siegener Zeitung, 17. März 1994

    Bad Berleburg. Er ist die Kultfigur der "Sandinistischen Revolution" in Nicaragua, er ist suspendierter Priester und politischer Poet: Ernesto Cardenal. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre weckte seine revolutionäre, christliche Poesie auch in Westeuropa das Interesse zahlreicher junger Menschen am Schicksal des mittelamerikanischen Landes. Es war wohl insbesondere die geheimnisvolle Aura der Gemeinschaft von Solentiname, jener Inselgruppe im Großen See vor Nicaragua, die die Menschen von einem anderen, besseren Leben träumen ließ. Ernesto Cardenal stand und steht als Synonym für diesen Ort der Besinnung, der Poesie und der Solidarität mit den Ärmsten der Armen. Cardenal beließ es jedoch nicht beim bloßen Traum, sondern versuchte, nach dem Sturz des Somoza-Regimes als Kulturminister der neuen Regierung ein menschliches Gesicht zu verleihen.
    Es kann dies nur ein Auszug aus einem überaus bewegten Leben sein, das 1925 im nicaraguanischen Granada begann und das noch heute von Kraft und Idealismus geprägt ist. Ernesto Cardenal hat als Schriftsteller, Politiker, Priester und nicht zuletzt als Mensch viel erreicht, doch zufrieden ist er nicht, denn die Revolution geht weiter. Auch in Bad Berleburg? Nun, zumindest wird Ernesto Cardenal am Sonntag, 17. April, im örtlichen Kurhaus Garant für eine Lesung der besonderen Art sein. Dem Bad Berleburger Galeristen Gerd Gerhard, der Buchhandlung Nohl und dem Kulturring der Wittgensteiner Kuranstalt ist es nämlich gelungen, den 69jährigen für einen Abstecher ins Wittgensteiner Land zu gewinnen.
    Unter der Überschrift "Aber die Hoffnung bleibt" liest Cardenal ab 20 Uhr aus seinen frühen Werken - etwa dem "Gebet für Marilyn Monroe" - und aktuellen Schriftstücken, unter anderem dem "Cantico Cosmico". Für die Übersetzung sorgt an diesem Abend Klaus Götte. Für die einfühlsame musikalische Untermalung der literarischen Reise nach Mittelamerika bürgt "Grupo Sal", eine lateinamerikanische Formation aus Tübingen, die bereits seit 1987 den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Gestaltung von musikalisch-künstlerischen Collagen gelegt hat.

    "Kunst im Treppenhaus" wird fortgesetzt
    Was eingangs verschwiegen wurde, aber mittlerweile in Cardenals Leben einen der Poesie ebenbürtigen Stellenwert erlangt hat, ist die Bildhauerei. In der "Galerie Gerhard" am Goetheplatz werden deshalb ebenfalls ab Sonntag, 17. April, im Rahmen der Reihe "Kunst im Treppenhaus" Skulpturen aus Holz und Metall gezeigt. Cardenal orientiert sich bei seinen Werken an den Ursprüngen der Indio-Kultur. Diese formt er um und konfrontiert sie mit den künstlerischen Entwicklungen der Industrienationen.
    Vorbild wird aufs Wesentlichste reduziert
    Die Ausdruckskraft der Skulpturen beruht auf der Autonomie vom Modell und der gleichzeitigen Ähnlichkeit mit ihm. "Diese Unabhängigkeit erreicht Cardenal durch die Reduktion des realen Vorbilds auf das Wesentlichste", beschreibt Kritiker Julio Valle Castillo das Werk des 69jährigen. Cardenal erreichte durch bewußtes "Sich-Versenken" in die Modelle, also durch Meditation, einen Zustand, in dem sich der Gegenstand auf einen Augenblick der Erscheinung, der "hellsichtigen Offenbarung" reduziere.
    Siegener Zeitung
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Updated: November 21
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