Die
poetische und sinnbildliche Welt des Malers Inos Corradin
"Galerie Gerhard"
zeigt bis Ende des Jahres ungewöhnliche Bilder
Siegener
Zeitung, 28. Oktober 1994
- Bad
Berleburg. Mit
Inos Corradin hat das Bad
Berleburger Publikum seit gestern einen ausgereiften Künstler
vor sich. Seine Bilder bestechen durch einfache Klarheit und wirken
durch die souveräne Technik. "Ein Perfektionist"
meinen die, die ganz nahe an die Bilder herantreten und feine schwarze
Trennlinien zwischen den Farbflächen erkennen. Ordentlich,
sauber und aufgeräumt. Mit Hilfe seiner streng eingehaltenen
Technik erzeugt Corradin Ruhe und Harmonie. Er vereinfacht und reduziert
die Bildinhalte so stark, daß dem Betrachter genügend
Spielraum für eigene Interpretationen bleibt.
Von
Italien nach Brasilien ausgewandert
Es sind Menschen des Theaters, des Zirkus', wenn
Menschen auf den Bildern überhaupt auftauchen. Sie spielen
eine Rolle und sind nicht mehr das, was sie darstellen oder tun.
Verständlich, wenn der Betrachter weiß, daß Inos
Corradin seit 1950 als Bühnenbildner gearbeitet hat, seit der
Zeit, in der er sein Heimatland Italien gegen Brasilien eingetauscht
hat.
Auf räumliches Sehen verzichtet
Bildbetrachter haben den Eindruck, vor einem geöffneten Vorhang
zu stehen: Die großen ruhigen Flächen des Hintergrunds
(Erde, Wasser, Himmel) entsprechen dem Orchestergraben, dem Bühnenboden
und dem Prospekt. Corradins Arbeit hat Spuren hinterlassen. Er verzichtet
vollkommen auf das räumliche Sehen. Die naiven Darstellungen
bringen lediglich das Wesentliche zur Geltung: Eine poetische, sinnbildliche
Welt, die grafische Erfahrung und Sensibilität in der Farbabmischung
zeigt.
Kubistische
Tendenz kaum zu übersehen
Auffällig ist Corradins kubistische Tendenz:
Der gestrenge Waagerecht-Senkrecht-Aufbau erzeugt Statik und Bewegungslosigkeit,
durchbrochen von schrägen Schatten und witzigen Bildelementen,
wie bunten Bällen, kleinen Leuchttürmen und flatternden
Vögeln, die in der Luft erstarrt sind. Es sind die Darstellungen
der Kinder, auch ihre Alltagsobjekte, wie Papierboote und -hüte,
kleine Fische und vereinfachte Häuser. Die strenge Grafik wird
jäh durchbrochen von der Kraft der Farbe, die so souverän
abgemischte Kontraste bietet und Verbindungen schafft. Viele Grün-Blau-Töne
erzeugen Ruhe und Kühle. Es überwiegt reines Petrol in
Hell-Dunkel-Abmischungen besonders in den Nachtbildern.
Nasen
als abschattierte Dreiecke
Lediglich die Gesichter der dargestellten
Personen lassen etwas von der Gleichzeitigkeit der perspektivischen
Betrachtungsweise erahnen, die im Kubismus gang und gäbe waren.
Die Nasen sind abschattierte Dreiecke kontrastierend zu den ovalen
und flächigen Augen. Lippen werden auf zwei Halbkreise reduziert,
einfache Linien verlängern die Richtung und verstärken
im Kleinen: exakt, genau, reduziert und eingegrenzt. Inos Corradin
komponiert sehr stark. Die Bilder wirken vorgedacht, nicht aber
aus dem Bauch heraus freigearbeitet. Inos Corradin spielt mit eckigen
und runden Formen, immer sind Entsprechungen zu finden, sowohl formell
als auch farblich. Und immer gibt es trotz aller Ruhe einen spannenden
Blickfang: Eine rosa Wolke inmitten zweier weißer, bunter
Blütenblätter auf dunkelster Fläche oder einer der
seltenen organischen Formen, die Zitrone, zwischen rechteckigen
Flächen. Ein Grafiker, der malt wie die Kinder.
Vernissage
ungewöhnlich gut besucht
Immerhin genießt der in São Paulo lebende
Künstler auch international mittlerweile einen ausgezeichneten
Ruf. So war es wenig erstaunlich, daß sich gestern abend beinahe
100 Gäste in der "Galerie Gerhard" am Bad
Berleburger Goetheplatz einfanden, um der Vernissage beizuwohnen.
Die Bilder von Inos Corradin sind noch bis Ende des Jahres zu sehen.

|