Presseartikel der Galerie Gerhard (Bad Berleburg)

1993


    Was ist draus geworden?
    Stichwort: Lateinamerika-Woche

    Siegener Zeitung, 22. April 1993

    Bad Berleburg. Im August vergangenen Jahres konnten Besucher der Odebornstadt eine Woche lang den Eindruck bekommen, sich an einem wirklichen Kultur-Brennpunkt zu befinden. Wo sonst eher die Heimstatt der "Dicke- Backen-Musik" zu suchen ist und die "Alpenduo-Szene" fröhliche Urständ' feiert, wurde nun ein schillernder Kontinent mit seiner Kultur vorstellig. Daß sich ausgerechnet 1992 die Entdeckung Amerikas zum 500. Male jährte, hatte mit der Sache zwar am Rande zu tun, gleichwohl war dieses - freilich recht zweifelhafte - Jubiläum nicht der eigentliche Motor der Initiative, an deren Zustandekommen unter anderem sowohl Privatleute als auch der Kur- und Verkehrsverband, die Kulturgemeinde, der Kulturring der Wittgensteiner Kuranstalt, der Gastronomenverband und einige Geschäftsleute beteiligt waren.
    Über 30 Künstler reisten an die Odeborn
    Die Dimension der Veranstaltung war für Bad Berleburg wohl einzigartig. Über 30 Latino-Künstler kamen nach Wittgenstein und verzauberten die Residenzstadt mit ihren Darbietungen, die sich von Musik über Literatur, Malerei und Photographie bis hin zur Bildhauerei und landesüblicher Kulinarik erstreckten, mit einem noch nie dagewesenen exotischen Flair.
    Wer denkt nicht gern zurück an all' die Lesungen und Konzerte: Während die Schalterhalle der örtlichen Sparkasse sich in einem Abnormitätenkabinett aus schrulligen brasilianischen Holzfiguren, den Carrancas, verwandelte, flimmerten südamerikanische Filmstreifen über die Leinwand des improvisierten Freilichtkinos Im Herrengarten, beschritt Francisco Zumaqué mit Macumbia musikalisch ganz eigenwillige Wege, klagte die einzigartige "Grupo Sal" im örtlichen Kurhaus mit einer originären Collage aus Texten und Musik über "500 Jahre Einsamkeit" und heizten vor dem Bürgerhaus trotz kühler Witterung gleich drei Musikgruppen unterschiedlicher Stilrichtung nicht nur den jüngeren Vertretern des Wittgensteiner Bergvölkchens aufs Kräftigste ein.
    Querelen und Streit gab es ebenfalls
    Nicht nur Masse, sondern Klasse hatten sich die Organisatoren aufs Panier geschrieben. Ein Wermutstropfen waren da sicherlich die organisatorischen Querelen und Mißhelligkeiten, die ab und zu ein wenig sauer aufstießen, allerdings von Veranstalterseite auch nicht unter den Teppich gekehrt wurden. Ein wenig übernommen hatte man sich, gewiß. Am Ende war weniger Geld übrig als erwartet. Auch der Pfad zwischen Kunst und Kommerz gestaltete sich mitunter recht schmal. Immerhin: Selbst eingeschriebene Kulturmuffel wurden in jener Zeit zu "Aficionados" der Latino-Kultur. Viele Besucher hofften auf eine Neuauflage des Spektakels. Und was ist draus geworden?
    "Literatur und Musik Bad Berleburg"
    Ein wenig "abgespeckt" habe das Programm, räumte Verkehrsdirektor Thomas Kahle gegenüber der Siegener Zeitung ein. "Wir wollen natürlich in dieser Richtung weitermachen, aber eine Veranstaltung dieser Größe wird vielleicht erst wieder in ein paar Jahren möglich sein", äußerte er verhaltenen Optimismus. Angebote auf dem "gehobenen Unterhaltungssektor" solle es aber weiterhin geben, erklärte er - und zwar unter dem Titel "Literatur und Musik Bad Berleburg". Der Auftakt ist für Freitag, 4. und 5. Juni, geplant.

    Dichterklause am Goetheplatz eingerichtet
    "Spiritus rector" der Veranstaltung ist damals wie heute Gerd Gerhard, der über reichlich Südamerika-Erfahrung und entsprechende Kontakte verfügt. Sein Haus am Goetheplatz schmückte jüngst die chilenische Flagge. Der erfolgreiche Autor Luis Sepúlveda, den Wittgensteinern seit dem vergangenen Jahr gewiß kein Unbekannter mehr, war zu Gast bei ihm. Gerhard hat zusammen mit Stephanie Braun in seinem Haus eine Art Dichterklause eingerichtet, in der Gastautoren in Zukunft wohnen und arbeiten können - untrügliches Zeichen für die Aufrechterhaltung und Intensivierung des Literaturbetriebs an der Odeborn. Die Dichterklause, darauf legt Gerhard Wert, ist allerdings auf private Initiative hin geschaffen worden.
    Dokumente über Kinderbewegung in Peru
    Über Sepúlveda wiederum kam der Kontakt zu dem Lyriker José F. A. Oliver zustande, der am Freitag, 4. Juni, im Kurhaus eine poetisch-musikalische Reise von Deutschland über Spanien nach Peru und zurück unternehmen möchte. In der Galerie Gerhard wird am darauffolgenden Tag eine Fotodokumentation mit dem Titel "MANTHOC - eine Notwendigkeit setzt sich durch" eröffnet. Dahinter verbirgt sich eine autonome Bewegung in Peru, in der sich Straßenkinder zusammengeschlossen haben und sich selbst helfen. Am Samstag abend liegt der Akzent der Veranstaltung ganz auf der Musik. "Side by Side" und "Umoya" verwandeln das Bürgerhaus ab 20 Uhr in einen jamaicanischen Reggae-Schuppen.
    Fortsetzung der Initiative ist wahrscheinlich
    Eine Fortsetzung von "Literatur und Musik" ist mehr als wahrscheinlich. Der Vorsitzende der Kulturgemeinde, Otto Marburger, lobt das bislang gedeihliche Ambiente der Initiative. Zahlreichen Künstlern habe die Atmosphäre in der Odebornstadt sehr gut gefallen, resümierte er. Viele wollten gern wiederkommen. Wann und wie oft "Literatur und Musik" stattfinden könne, hänge von den Möglichkeiten ab, Künstler für das Vorhaben zu gewinnen. Auch auf den Bereich südamerikanische Kultur solle man sich nicht unbedingt festlegen, riet er. "Wir wollen das in den Markt etablieren und peu à peu anfangen."
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Updated: May 17
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