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"Das
Testament des Herrn Napumoceno"
von
Sabine Müller-Nordhoff
Als
der alte Sr. Napumoceno da Silva Araújo, Großhandelskaufmann
für Im- und Export, verstirbt,
hinterlässt er ein Testament von 387
Seiten. Da er nie verheiratet
war, wird der vermeintlich einzige
Verwandte, sein Neffe Carlos
Araùjo, mit der Verwaltung der
Hinterlassenschaft und der
Ausführung der letzten Wünsche des
Onkels beauftragt.
Napumoceno, der in Mindelo,
der Hauptstadt der kap-verdischen Insel
São Vicente, als ein
äußerst ehrbarer, keuscher und integerer Mann
geachtet war, zeigt in diesem
Testament sein wahres Gesicht.
Dort hat er sein ganzes Leben
festgehalten und nicht nur eine
eigenwillige Verteilung seines
Vermögens an die Notleidenden in
Mindelo verfügt, sondern
auch entscheidende Episoden geschildert,
die sein Leben bestimmten.
Carlos und die Notare, die sich bei der
langwierigen Verlesung des
Testamentes abwechseln, erfahren zu
ihrer größten Verblüffung,
dass der arme Junge Napumoceno, der
eines Tages barfuß in
Mindelo eintraf, und dem ein Freund der Eltern,
der Doktor Souza, schnell zu
einer Arbeit verhalf, es faustdick hinter
den Ohren hatte. Es wird bald
offenbar, dass der ehrwürdige Kaufmann
und Stadtrat Napumoceno seinen
Kopf nicht nur in die Bücher steckte,
sondern ein äußerst
körperliches Verhältnis zu seiner Putzfrau D. Chica
unterhielt, die er regelmäßig
auf dem monumentalen Schreibtisch
seines Büros zu nehmen
pflegte. Doch damit nicht genug, diese
wolllüstige Beziehung
hatte Folgen. Sie fand ihren äußerst lebendigen
Niederschlag in der Geburt
von Maria da Graca, Napumocenos
unehelicher Tochter, die er
zeitlebens mit Geschenken überhäufte,
und die erst von den besonderen
familiären Banden zu diesem
generösen älteren
Herrn ahnt, als ihre Mutter ob der versiegenden
Alimentezahlungen in Tränen
ausbricht.
Doch Carlos und Maria, die
sich nun gezwungenermaßen mit der
schillernden Persönlichkeit
des Napumoceno beschäftigen müssen,
machen noch weitere überraschende
Entdeckungen.
Germano Almeida hat mit seinem
Erstlingsroman eine Meisterleistung
vollbracht. Mosaiksteinchen
für Mosaiksteinchen aneinanderfügend,
lässt er die charismatische
Figur des Sr. Napumoceno entstehen, an
der nicht
nur der Name ungewöhnlich ist.
Napumoceno
verkörpert den Prototypus des "Self-made-man", einen,
der
von ganz unten kommt und es geschafft hat. Er ist von dem
starken
Wunsch beseelt, seiner Nachwelt von seinem Leben zu
berichten,
will diese an seinem Erfolg teilhaben lassen. Und so setzt er
sich
mit seinem Testament ein kleines Denkmal. Als er, nach einer
erfolgreichen
Teilhaberschaft in der Firma Baptista Ltd., beschließt,
sich
selbständig zu machen, verhilft ihm mehr Glück als Verstand
zu
dem
gewünschten Erfolg. Mit einem falsch ausgestellten Bestellschein,
auf
welchem er irrtümlicherweise eine Null zuviel einträgt,
erhält er
eine
Ladung von 10.000 Regenschirmen. Der Absatz dieser Lieferung
scheint
beinahe unmöglich auf einer so regenarmen Insel wie São
Vicente,
doch siehe da: just in diesem Jahr wird Mindelo von einem
sintflutartigen
Regen heimgesucht! Nie sollte sich Napumoceno ganz
von
dem Gefühl erholen, auf Kosten einer zerstörerischen Sintflut
reich
geworden zu sein, was ihn dazu veranlasst, den Ärmsten der
Armen
von Mindelo in regelmäßigen Abständen etwas von
seinem
Reichtum
zukommen zu lassen. Dabei macht er auch nicht vor dem
Verschenken
seiner alten, abgetragenen Anzüge halt, denn nichts
führt
schließlich sicherer zum Erfolg als Sparsamkeit! Und dieser
Eigenschaft,
nebst der latenten Angst, wieder der zu werden, der er
einmal
war, verdankt er seine ehrgeizigen Bemühungen um Kultur,
Wissen
und eine höchst disziplinierte Lebensführung.
Carlos,
seinem Neffen, dem er eine hochwertige Ausbildung in Portugal
verschafft
und der seine Firma von Tag zu Tag besser führt, traut er
nicht
über den Weg, hält ihn gar für einen berechnenden,
undankbaren
Gauner,
der wie ein Aasgeier auf seinen Tod lauert. Carlos ist sicher
der
unmittelbarste Zeuge des Onkels vielfältigster Manien, dem
eine
breitgefächerte
Begeisterungsfähigkeit nicht abzusprechen ist.
So
kehrt dieser auf's höchste inspiriert von seinem Besuch in
Amerika
zurück
und beglückt seine Angestellten mit einer Errungenschaft, die
er
für das Non-plus-Ultra unternehmerischer Personalpolitik hält:
ein
ampelähnliches Warnlicht, das er an seiner Bürotür
anbringen lässt
und
das, seine Disponibilität signalisierend, nur bei grünem
Licht
Eindringlingen
Einlass gewährt. Sein Fortschrittsglaube, den er in den
Staaten
so recht entwickeln lernt, veranlasst ihn, einen grünen Ford,
Modell
T von 1918, in seine Heimat zu importieren. Selbst fahren kann
er
ihn nicht, ist er doch nicht im Besitz eines Führerscheins.
Und so
lässt
er das Gefährt von vier Mannen durch die Stadt schieben, wobei
er
stolz am Steuer paradiert. Schließlich nimmt er Fahrstunden,
verkracht
sich jedoch bald mit dem Fahrlehrer, der es bei einem
waghalsigen
Manöver wagt, ihm "Rückwärtsgang einschalten"
zuzurufen.
Napumoceno schließt daraufhin für immer mit dem
Rückwärtsgang
ab und baut sich eine beidseitig geöffnete Garage,
die
seinen Bedürfnissen entgegenkommt.
So
viel Glück er im Geschäftsleben hat, so wenig ist ihm
das Glück bei
den
Frauen hold. Seine zweifelhafte Beziehung zu einer lasziven
Tänzerin
trägt ihm eine Infektion an der Lippe ein; ein Geschäftsfreund
stellt
ihm Dr. Jóia vor, die ihm durchaus zugetan ist und ihm dieses
auch
während eines Spaziergangs am Strand unmissverständlich
zu
verstehen
gibt, als sie, eine kecke Welle ausnutzend, sich dem
Kaufmann
mit wogenden Brüsten an den Hals wirft. Doch irgendwie
fehlt
es an Gelegenheiten, am nötigen Schneid, am richtigen Wort
zum
richtigen
Zeitpunkt, welchen Napumoceno immer verpasst.
Seine
einzige Leidenschaft, das gazellenhafte Mädchen Adélia
mit dem
unruhigen
Blick, hat eher platonische Züge. Er sucht in ihr das kleine,
unschuldige
Mädchen, das er beschützen kann, und ist zunächst
enttäuscht,
als er eines Abends von einer wollüstigen Adélia in
seinem
Haus
auf den Teppich gezwungen wird. Doch auch hier ist er vom Pech
verfolgt,
ist Adélia schon einem versprochen, der im Ausland lebt.
Als
sie schließlich reumütig zu ihm zurückkehrt, will
er sie nicht mehr;
schließlich
bleibt er sich immer bis zur Selbstverleugnung treu.
Napumoceno
besitzt die begnadete Intuition des bauernschlauen
Halbgebildeten,
die schillernde Ausstrahlung eines mit unerschütter-
licher
Naivität ausgestatteten Lebenskünstlers, der sich in den
Krisen
seines
Lebens mit Volksweisheiten zu behelfen weiß, die
Schelmenhaftigkeit
eines unverbildeten Menschen, der sich die
tollsten
Freiheiten herausnimmt, den Ehrgeiz eines, der von ganz unten
kommt
und in die feine Gesellschaft aufsteigen will.
Das
Buch ist reich an Episoden, die, auf höchst unterhaltsame,
witzige
Art,
die Persönlichkeit dieses ungewöhnlichen Kaufmanns beleuchten.
Mit
verspielter, teils liebevoller, teils bösartiger Ironie wird
nicht nur
sein
Charakter trffend gezeichnet, sondern auch andere Protagonisten
nehmen
eindringlich Gestalt an. Zwischen den Zeilen wird viel von der
Doppelmoral
der Kapverdianer, ihrem vorsintflutlichen Bürokratismus,
ihrem
gesellschaftlichen Dünkel offenbart.
In
einer sehr gewählten Sprache, deren lange Sätze sich mitunter
über
eine
ganze Seite ziehen, und deren Hauptstilmittel eine fließende,
indirekte
Rede ist, werden die Ereignisse nacherzählt.
Dabei
durchdringen sich Schilderungen aus dem Testament mit denen
der
Rahmenhandlung. Es sind jedoch vornehmlich die vor Mutterwitz
sprühenden,
nacherzählten Dialoge, die den Roman so lebhaft und
seine
Geschichte so authentisch machen.
Dieser
Schelmenroman, der von der ersten bis zur letzten Seite fesselt
und
unterhält, besticht in Form, Inhalt und Thematik.
Sabine
Müller-Nordhoff
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