Jochen Dietrich
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Kleines Kunstlexikon






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    Bom Dia Portugal
   Presseartikel

     DIE LOCHKAMERA

     "Im Bauch der Traummaschine"
     von Saskia Engelhardt

Der deutsche Fotograf Jochen Dietrich war mit einer selbstgebauten Lochkamera verlassenen portugiesischen Provinzkinos auf der Spur. Jetzt zeigt er seine außergewöhnlichen Bilder in der Wanderausstellung
"Cine Teatros de Portugal".
Jochen Dietrich (Cine-Teatro Éden)

Alte Gemäuer übten schon immer eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Doch es war im "Cinema Oriental" - einem leerstehenden Lichtspielhaus in Portimão - in dem Jochen Dietrich, 33, die Idee kam, alte Kinos mit einer Lochkamera zu fotografieren. "Es ist ein einfaches Kino, mit nur zwei runden Fenstern als Öffnung zur Außenwelt. Eines davon war eingeschlagen, so konnte Licht in den dunklen Saal fallen. Nachdem sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich auf der Wand die projezierten Abbilder der Autos, die draußen vorüber fuhren. Ich stand in einer Camera obscura."

Praça José EstevãoCine-Teatro CovilhãAvoeiro Casas

Das Erlebnis im "Cinema Oriental" ließ den Fotografen, der Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal nach Portugal kam und sein Staatsexamen an der Kunsthochschule Siegen gemacht hat, fortan nicht mehr los. Als Stipendiat der europäischen Stiftung "Pépinières européenes pour jeunes artistes" reiste er 1996 und 1997 quer durch das ganze Land, um rund 90 Lichtspielhäuser auf Hunderte von Filmen zu bannen. Denn Kinos faszinieren Dietrich als "Traummaschinen mit nachtdunklen Sälen", sie sind für ihn "Leerstellen für neuzubildende Metaphern; Freiräume, die darauf warten, mit neuen Bildern ausgefüllt zu werden". Eine Zeitungsanzeige machte ihn auf das Projekt eines Kino- und Bildermuseums in Leiria aufmerksam. Dort interessierte man sich schnell für die ungewöhnlichen Arbeiten des Deutschen, und so entstand ein gemeinsames Ausstellungsprojekt.

Salão Central Évorense (Évora)Girasol (Milfonte)

Publikumspremiere war im letzten Jahr im Deutschen Filmmuseum - in einer Gemeinschaftsausstellung mit Wim Wenders während der Frankfurter Buchmesse, auf der Portugal Schwerpunktthema war. Anfang dieses Jahres ging das Projekt "Cine Teatros de Portugal"schließlich mit Unterstützung des Museu da Imagem in Leiria als Wanderausstellung mit Katalog auf Tour durch Portugal. Die Beschäftigung Dietrichs mit der Lochkamera-Technik geht auf seine Studienzeit an der Siegener Kunsthochschule zurück. "Der entscheidende Unterschied zur modernen Spiegelreflexkamera ist die Art, wie die Lochbildkamera den Prozess der Belichtung in ein komplexes Ritual verwandelt." Dass Lochkameras mit sehr langen Belichtungszeiten arbeiten, sieht Dietrich nicht als altmodische Zeitverschwendung an. Stattdessen ist ihm die Technik aus Urgroßvaters Zeiten Anlass zu Reflexionen über den Zusammenhang von Zeit und Wahrnehmung, spricht er von der in seinen Arbeiten abgebildeten "Fülle von Zeit" und der "Verdichtung der Minuten oder gar Stunden". Dietrich sieht sich nicht als Macher seiner Bilder, sondern eher als Maschinist: "Ich stelle Situationen her, in denen Bilder entstehen können." Und da Lochkameras keinen Sucher haben, muss sich der Fotograf vorstellen, was die Kamera sieht, muß er sich das Bild zuvor im Kopf ausmalen.

Jochen Dietrich (Cine-teatro Éden)

Für seine portugiesischen Kinobilder baute Dietrich sogar eigene Apparate. Manche sehen aus wie umfunktionierte Polaroidkameras, andere wie große Schachteln oder alte Wecker. Seine selbst entwickelte Sechs-Loch-Kamera erlaubt ihm, 360-Grad-Panoramen in Fragmenten aufzunehmen, die sich anschließend auf dem Bild überlagern. Eine weitere Eigenart von Dietrichs Arbeiten hat seine Ursache in einem technischen Handicap: Seine Apparate haben kein Gewinde für ein Stativ, daher muss er sie entweder auf den Boden legen oder eine natürliche Erhöhung finden. Durch die extremen Aufnahmewinkel erreicht er auf seinen Bildern eine expressive Sogwirkung. Seine Lochkamera-Arbeit bietet Dietrich im Zeitalter der digitalen Fotografie die Möglichkeit, über die "technische Manipulierbarkeit und das Verhältnis von Abbild und Urbild" zu reflektieren. Die Betrachter seiner Bilder indessen bekommen einen Einblick in die vergessene Welt der alten portugiesischen Lichtspielhäuser - in "diese unglaublichen, dem Tode geweihten Objekte", wie der Künstler sagt.

Saskia Engelhardt

Weitere Informationen über den Fotografen Jochen Dietrich und seine "Camera-Obscura"-Technik finden Sie auf der Website des Kulturforums Rheine:
http://www.kulturforum-rheine.de

Zudem sind unter der URL
http://www.foto.art.br/foto/jochen/index.htm
umfangreiche Informationen über seine "Camera-Obscura-Installation" in Brasilien verfügbar.

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